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Antisemitismus in der Geschichte der Kirche

Reinhold Tenk

Begriffe

Der Begriff Antisemitismus ist relativ neu, denn er erschien erst 1879. Das heißt aber nicht, dass es vorher keinen Antisemitismus gab. Im Volksmund bedeutet dieser Begriff vor allem Feindschaft gegen Juden, Judenhass. Für diejenigen, die die feinen Unterschiede mögen, gibt es weitere Begriffe wie Antijudaismus oder Antizionismus. Es wird in diesem Artikel aber nur von Antisemitismus die Rede sein, denn egal welche Motivation Menschen antreibt, die gegen Juden sind, bleibt es eine Form von Feindschaft gegen sie. Das Volk der Juden (bzw. das Volk Israel) bleibt das Ziel, entweder auf Grund seines Glaubens, auf Grund dessen, dass es ein besonderes Volk ist oder auf Grund dessen, dass es jetzt einen Staat Israel gibt.

Wenn hier von Kirche  die Rede ist, so ist das religiöse System gemeint, das sehr früh (in den ersten Jahrhunderten) aus der Trennung von ihren jüdischen Wurzeln entstanden ist und im Laufe von Jahrhunderten die westliche Kultur entscheidend geprägt hat. Es geht also hier um die Geschichte eines religiösen Systems, das man allgemein als christliche Kirche bezeichnet. Es geht hier nicht um eine Ortskirche (Gemeinde). Wenn das der Fall ist, dann wird das Wort Gemeinde gebraucht (z.B. Gemeinde in Rom oder Jerusalem). Wenn hier von christlicher Theologie die Rede ist, dann ist die Lehre von der Kirche als religiöses System gemeint. Der Glaube jedes einzelnen, der Mitglied der Kirche ist, wird hier nicht in Frage gestellt.

Da Antisemitismus nicht aus dem Nichts entstehen kann, müssen wir uns nun mit dessen Ursachen beschäftigen. Im gesamtgesellschaftlichen Bereich kann Antisemitismus nur aus dem Kontakt mit Ideen aus dem Umfeld entstehen. Im speziell kirchlichen Bereich spricht man dann von Lehren oder von Theologie.

 

Die Lehre der ersten Gemeinde

Die Lehre der Christlichen Kirche kommt, wie der Name es sagt, von Christus, dem Messias. Jesus sagte aber von seiner Lehre:

Joh 7,16 – Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat.

Diese Lehre wurde von den Gesandten (Aposteln) weitergegeben (Apg 2:42), bis es dann zu Meinungsverschiedenheiten unter den Gläubigen kam. Einige behaupteten:

Apg 15:1 – „Ihr könnt nicht gerettet werden, wenn ihr euch nicht der Berit Milah unterzieht, wie Mosche sie geboten hat.“

So wurde eine Versammlung (ein Konzil) in Jerusalem einberufen, deren Hauptthema die Integration der Gläubigen aus den Nationen war. Das Endergebnis können wir so zusammenfassen: Die Gläubigen aus den Nationen müssen nicht konvertieren (Beschneidung im Fleisch), sondern einige besondere Punkte aus der Torah beachten. Es ist wichtig an dieser Stelle zu sehen, dass es keine Fremdenfeindlichkeit in der Gemeinde in Jerusalem gab.

Wenig später aber stellt man fest, dass sich ausgerechnet in der Gemeinde in Rom Tendenzen bemerkbar machten, die man schon als antijüdisch bezeichnen könnte. So schreibt der Gesandte Scha'ul, der für die Nationen zuständig war, schon in den 50er Jahren des 1. Jahrhunderts an die Gläubigen aus den Nationen der dortigen Gemeinde:

Rö 11:17-21 – Doch wenn manche von den Zweigen abgebrochen wurden und du – ein wilder Ölzweig – aufgepfropft wurdest und nun teilhast an der reichen Wurzel des Ölbaums, dann rühme dich nicht, als seist du besser als die Zweige! Sondern wenn du dich rühmst, denke daran, dass nicht du die Wurzel erhältst, sondern die Wurzel dich. So wirst du sagen: „Zweige wurden abgebrochen, damit ich aufgepfropft würde.“ Das stimmt, aber was soll's? Sie wurden abgebrochen, wegen ihres Mangels an Vertrauen. Du aber behältst deinen Platz nur, weil du vertraust. So sei nicht hochmütig; im Gegenteil, fürchte dich! Denn wenn Gott schon die natürlichen Zweige nicht verschonte, wird er dich gewiss nicht verschonen!

Worte wie „rühme dich nicht, als seist du besser als die Zweige!“ oder „So sei nicht hochmütig; im Gegenteil, fürchte dich!“ zeigen eindeutig, dass mindestens ein paar der Gläubigen aus den Nationen sich als etwas Besseres fühlten.  Wie ging es nun weiter?

Die Lehre der frühen Kirche (2.-4. Jh.)

Bisher war die Lehre der Schriften des Neuen Bundes maßgeblich. Nun aber gewann die Lehre der „Kirchenväter“ an Bedeutung. Die „Kirchenväter“ sind christliche Autoren der ersten acht Jahrhunderte, die entscheidend zur Lehre und zum Selbstverständnis des Christentums beigetragen haben. Sie vertraten die rechtgläubige Lehre in der Auseinandersetzung mit Häretikern und schufen so einen standardisierten Korpus christlicher Lehren. Diese Lehren wurden durch Beschlüsse in Konzilen festgehalten, die dann verbindlich waren. Daraus entstanden Dogmen (Aussagen, die grundlegend und nicht verhandelbar sind) der frühen Kirche.

Es folgen nun Aussagen von 9 wichtigen Kirchenvätern bis Ende des 4. Jh. in Bezug auf das Volk der Juden.

Justin der Märtyrer (Justinus, ca. 100-165): „Den Gerechten habt ihr ja getötet und vor ihm seine Propheten. Und jetzt verstoßt ihr die, welche auf ihn und auf den allmächtigen Gott, den Weltschöpfer, der ihn gesandt hat, ihre Hoffnung setzen, und entehrt sie, soweit es bei euch möglich ist, indem ihr die Christusgläubigen in euren Synagogen verfluchet. Denn Hand an uns zu legen, dazu habt ihr nicht die Macht dank denen, welche jetzt regieren; getan aber habt ihr es, so oft ihr konntet.“ (Dialogus cum Tryphone, 16. 4.)

Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202): „Wenn die Juden nicht Mörder des Herrn geworden wären, was ihnen das ewige Leben raubte, und dadurch, dass sie die Apostel töteten und die Kirche verfolgten, nicht in den Abgrund des Zorns gefallen wären, könnten wir nicht gerettet werden.“  (zitiert in: Das Kreuz Christi bei Irenäus von Lyon  – Beihefte Zur Zeitschrift Für Die Neutestamentliche Wissenschaft Und Die Kunde Der Älteren Kirche – von Daniel Wanke von Gruyter, gebundene Ausgabe - 2. März 2000, S. 302)

Hippolyt von Rom (170-235): „Unheil … wird sie in künftiger Zeit heimsuchen wegen der Rebellion und Frechheit, die sie dem Friedefürsten entgegenbrachten.“ (Demonstratio adversus Iudaeus)

Origenes (185-254): „Zu den Beweisen also, dass Jesus ein göttliches und heiliges Wesen war, gehört auch die Tatsache, dass die Juden um seinetwillen so große und schwere Drangsale schon so lange zu leiden haben. Und wir behaupten mit aller Zuversicht, dass sie niemals in den früheren Zustand gelangen werden. Denn sie haben dadurch den allerruchlosesten Frevel begangen, dass sie dem Erlöser des Menschengeschlechtes in jener Stadt nachstellten, wo sie Gott die gewohnten Opfer, die Wahrzeichen erhabener Geheimnisse darbrachten.“  (Contra Celsum, 4. Buch, Kap. 22)

Athanasios der Große (ca. 298-373): „Und es ist allen klar geworden, dass diejenigen, welche nach dem Gesetze zu reden schienen, einer häretischen und gottesfeindlichen Gesinnung überführt sind.“ (Epistula ad episcopos Aegypti et Libyae – Rundschreiben an die Bischöfe Ägyptens und Libyens, 9)

Ephräm der Syrer (306-373): „Armseliger, fliehe vor ihm [dem Judenvolke]; denn nichts gilt ihm dein Tod und dein Blut! Es hat das Blut Gottes auf sich genommen, sollte es da vor deinem Blute zurückschrecken? … Es hat sich nicht gescheut, unter der Wolkensäule ein Kalb anzufertigen, und hat sich nicht entblödet, im Tempel ein Bild mit vier Gesichtern aufzustellen. Gott hing es am Kreuze auf: die Geschöpfe erschauderten, als sie es sahen. Der Geist zerriss den Vorhang, damit der Ungläubige sein Herz zerreiße. Die Felsen der Gräber spalteten sich, aber das Herz von Felsen blieb ungerührt. Als der Geist sah, dass es [das Judenvolk] nicht erschauderte, da floh er es ob seiner Tollheit.“ (Drei Reden über den Glauben, erste Rede, 51)

Basilius der Große (330-379): „Doch der Jude nimmt das Wort gottesfürchtigen Glaubens nicht willig hin. Gleich blutdürstigsten Tieren, die in ihren Käfigen eingesperrt sind, an den Gittern auf und ab wüten und ihre wilde, grimmige Natur zeigen, ohne ihre Wut befriedigen zu können, wollen auch die wahrheitsfeindlichen Juden, in die Enge getrieben, behaupten, es seien viele Personen, an die das Wort Gottes ergangen.“  (Homilien über das Hexaemeron, 9. Homilie, 6.)

Gregor von Nyssa (ca. 335 - ca. 395): Juden sind „Gottesmörder, Prophetentöter, Streiter wider Gott, Gotthasser, Gesetzesbrecher, Feinde der Gnade, vom Glauben der Väter abgefallen, Advokaten des Teufels, Schlangenbrut, Denunzianten, Verleumder, Heuchler, Hefe der Pharisäer, Satanssynagoge, Feinde des Menschengeschlechts, Mörder.“ (Oratio V  – 5. Rede)

Ambrosius (339-397) – Auszug aus seinem Brief an Kaiser Theodosius (Brief 40,8-10), in welchem er sich wegen des Brandes einer Synagoge rechtfertigen muss:

Ich erkläre, dass ich die Synagoge in Brand steckte, dass ich sie [die Christen] sicherlich dazu aufrief, es zu tun, damit es keinen Ort gibt, an dem Christus geleugnet wird. Wenn man mich fragt, warum ich hier die Synagoge niedergebrannt habe, so ist die Antwort: Die Flammen hatten durch Gottes eigenen Ratsschluss bereits begonnen, sie anzugreifen; ich hatte gar nichts mehr zu tun... Das Niederbrennen eines einzigen Gebäudes rechtfertigt keine so weit reichende Aufregung wie die Bestrafung eines Volkes [der Christen], umso weniger, als das eine Synagoge war, die verbrannt wurde, ein Ort des Unglaubens, eine Heimstätte der Gottlosigkeit, ein Schlupfwinkel des Wahnsinns, von Gott selbst verdammt.“

Weitere Kirchenväter mit ähnlichen Aussagen über die Juden könnten noch zitiert werden. Der schrecklicher Eindruck einer antisemitischen Lehre schon bei den frühen Kirchenvätern lässt sich aber nicht verleugnen. Abgesehen von diesem Judenhass haben viele unter ihnen die christliche Lehre mit griechischer Philosophie vermischt. Dies führte zu einer christlichen Theologie, die zum größten Teil noch heute vertreten wird.

 

Die sogenannte „Konstantinische Wende“ und das Konzil von Nicäa (325)

Bisher war der christliche Glaube im Römischen Reich mehr oder weniger geduldet, ihre Anhänger wurden zum Teil aber auch verfolgt. Am Anfang des 4. Jh. wird die christliche Kirche nun zur privilegierten Religion des römischen Imperiums. Der Kaiser Konstantin strebte als Politiker nach einem allgemeinen Frieden in seinem Reich und entschied sich, die Religion als Mittel zum Zweck zu benutzen. Er soll von einem Anhänger eines Sonnenkultes zum Christentum konvertiert haben, seine Taten aber weisen auf eine sehr zwiespältige Persönlichkeit hin. Jedenfalls machte er das Christentum zur Staatskirche, was auch dazu führte, dass heidnische Elemente und Bräuche in dieser neuen Religion ihren Platz fanden.

Als Kaiser – als Staatsoberhaupt war er ja zuständig für die Staatskirche – beruft Konstantin im Jahr 325 das Konzil von Nicäa. Anlass für dieses Konzil war der Versuch, einen Streit über den Arianismus (eine christlich-theologische Lehre) zu schlichten. Konstantin ließ zwischen 200 und 318 Bischöfe kommen. Es ist schon mehr als bedenklich, wenn ein Politiker, der sich übrigens als „Bischof der Bischöfe“ bezeichnete, ein Konzil beruft, wo es um geistliche Dinge geht. Im Rahmen dieses Konzils ging es auch um das Datum für das Osterfest, das in der Gemeinde in Jerusalem und in den Gemeinden der jüdischen Diaspora als Passahfest gefeiert wurde, und damals noch in vielen christlichen Gemeinden weiterhin in dieser Form gehalten wurde. Eusebius, ein zeitgenössischer christlicher Theologe und Geschichtsschreiber, zitiert in Vita Constantini et Oratio ad coetum sanctorum (Buch III) die Rede von Konstantin bei diesem Konzil.

Zitat: „Es erschien unwürdig, dass wir bei der Feier dieses heiligsten Festes der Praxis der Juden folgen sollten, die sich auf so unehrbare Weise mit enormer Sünde die Hände schmutzig gemacht haben und es deshalb verdient haben, mit einer Blindheit ihrer Seele ge­schlagen zu sein. . . . Lasst uns deshalb nichts mit dem verabscheuungswürdigen jüdischen Haufen ge­meinsam haben; denn wir haben von unserem Erlöser einen anderen Weg empfangen; zu unserer heiligsten Religion ist ein Weg offen, der ebenso rechtmäßig wie angebracht ist. Liebe Brüder, lasst uns einstimmig diesen Weg annehmen und uns zurückziehen von jeglicher Teilnahme an ihrer Niedrigkeit. Denn es ist gewiss abwegig, dass sie sich brüsten können, dass wir ohne ihre Anweisung unfähig wären, diese Feiertage zu halten

Die Haltung Konstantins widerspiegelt die allgemeine Meinung der Kirchenväter gegenüber den Juden und ist eindeutig von Feindlichkeit oder Hass ihnen gegenüber geprägt. Der Geist, unter dessen Leitung dieses Konzil geführt wurde, ist ein ganz anderer als beim ersten Konzil in Jerusalem. Damals ging es wirklich nicht um Politik, sondern um die Bemühung, Gläubige aus anderen Nationen zu integrieren. Jetzt aber trennt sich eine Staatskirche – um das gleiche Bild wie Scha'ul zu gebrauchen – von dem Ölbaum, dessen Wurzel für das geistliche Leben des aufgepfropften Zweiges sorgte. „Wir haben von unserem Erlöser einen anderen Weg empfangen.“ proklamiert nun Konstantin vollmundig. Aus diesem Konzil entstand ein

Glaubensbekenntnis, die ersten Lehrentscheidungen der christlichen Gesamtkirche. Durch die Autorität des Kaisers, der das Konzil einberufen hatte,wurde das nicänische Glaubensbekenntnis ("Glaube der 318 heiligen Väter") für die gesamte Kirche im Reich verpflichtend.

So entstand eine Theologie, die als „Ersatz-Theologie“ (bzw. Substitutionstheologie, Enterbungstheologie oder Enteignungstheologie) bekannt ist und in den Kirchen offiziell noch gültig ist. Nach dieser Theologie ist Israel nicht mehr Gottes Volk, weil es als Nation Jeschua (Jesus) als Messias abgelehnt habe. Die Kirche ist das „geistliche Israel“; somit gelten alle Segnungen des Alten Testaments, die Israel verheißen wurden, nun der Kirche; d.h. die Kirche ersetzt Israel. Alle Flüche hingegen sind immer noch für die Juden wirksam.

 

Die kirchliche Kunst

Die bildende Kunst diente im Mittelalter der Belehrung der Masse, die nicht lesen konnte. Auch die zündendsten Predigten verhallten; doch was man immer wieder sah, setzte sich im Gedächtnis fest. So nahmen die Gedanken der Theologen buchstäblich Gestalt an.“ (Leo Trepp, Geschichte der deutschen Juden, Stuttgart 1996)

Am Beispiel von vielen Kirchenfenstern und Statuen, die heute noch in den Kirchen zu sehen sind, wurde diese Ersatz-Theologie anschaulich dargestellt. „Ecclesia“ steht im Gegensatz zu „Synagoga“, eine Allegorie zur Verdeutlichung des Gegensatzes Christen-Juden. Die Symbolik bleibt im Laufe der Jahrhunderte immer die gleiche: Die Kirche steht aufrecht, ihr Haupt ist gekrönt und ihr Blick nach vorne gerichtet (glänzende Zukunft); in der linken Hand trägt sie eine Lanze mit ihrem Symbol, dem Kreuz; in der rechten Hand trägt sie den Kelch des Neuen Bundes. „Synagoga“ (die Juden) nimmt dagegen eine gebeugte Haltung ein; ihre Augen sind gebunden als Zeichen ihrer Blindheit, während ihre Krone zur Seite gerutscht oder auf dem Boden gefallen ist. In der linken Hand trägt sie ihre jetzt gebrochene Lanze und in der rechten Hand hält sie den Kopf eines gehörnten Bocks als Symbol ihrer Hurerei.

Besondere praktische Maßnahmen

Im IV. Lateran Konzil 1216 erlässt die römische Kirche viele Einschränkungen gegen die Juden, unter anderem den Judenhut, den gelben Ring oder gelben Fleck. Zitat:

Damit also den Ausschweifungen einer so abscheulichen Vermischung [zwischen Christen u. jüdischen Frauen] in Zukunft die Ausflucht des Irrtums abgeschnitten werde, bestimmen wir, dass Juden und Sarazenen beiderlei Geschlechts in jedem christlichen Land und zu jeder Zeit durch ihre Kleidung öffentlich sich von den anderen Leuten unterscheiden sollen, zumal da man schon bei Moses liest, dass ihnen eben dies auferlegt ist.“

1244 wird auf Befehl des Papstes Innozenz IV. der Talmud und später jede jüdische Literatur verbrannt.

1267 wird zum ersten Mal im Provinzialkonzil von Breslau von der Seite der Kirche gefordert, die Juden von der christlichen Bevölkerung räumlich zu trennen. Zitat:

Damit die christliche Bevölkerung nicht von dem Aberglauben und den schlechten Sitten der unter ihr lebenden Juden angesteckt wird, zumal die christliche Religion den Herzen der Gläubigen in diesen Gegenden erst kürzlich und nur oberflächlich eingepflanzt wurde, schreiben wir streng vor, dass Juden, die sich in dieser Kirchenprovinz Gnesen aufhalten, nicht vermischt unter den Christen wohnen dürfen. Vielmehr sollen sie in einem abgesonderten Teil der Stadt oder des Dorfes ihre aneinander verbundenen Häuser haben, und zwar so, dass das Judenviertel von den Wohngegenden

der Christen durch einen Zaun, eine Mauer oder einen Graben getrennt wird. Wir ordnen jedoch an, dass Christen und Juden, deren Häuser vermischt stehen, durch den Diözesanbischof und den weltlichen Herrn unter Anordnung einer geeigneten Strafe zum Verkauf oder Tausch ihrer Häuser nach dem Schiedspruch ehrbarer Männer gezwungen werden. Wenn aber diese Trennung bis zum nächsten Geburtsfest des heiligen Johannes des Täufers nicht durchgeführt worden ist, sollen sowohl der Diözesanbischof des Ortes als auch der weltliche Herr wissen, dass ihnen von da an der Zugang zur Kirche verboten sein wird, wenn sie zögern, ihre Juridiktion und Amtsbefugnis gegenüber den Zuwiderhandelnden geltend zu machen.

Von nun an gab es in vielen Städten – nicht nur in Polen – ein „Judenviertel“ oder eine „Judengasse“.

Zwangstaufen wurden auch gegenüber Juden oft eingesetzt, insbesondere in Spanien, aber auch in Deutschland (1283 werden die Juden in der Pfalz zur Taufe gezwungen. Wer sich weigerte, wurde sofort getötet.)

 

Die Kreuzzüge (11.- 13. Jh.) wurden zum ersten Mal am 27. November 1095 von dem Papst Urban II. aufgerufen. Zunächst ging es nur um die Rückeroberung des Hl. Landes, das in den Händen der  türkischen Seldschuken lag. Sehr bald aber richteten sich die Kreuzzüge gegen die Ungläubigen und Ketzer zur Ausbreitung und Wiederherstellung des katholischen Glaubens. Diese Kreuzzugsstimmung verschärfte natürlich den religiösen Gegensatz zu den Juden weiter. So sah sich das Ritterheer legitimiert, gegen alle Nichtkatholiken, vor allem gegen Juden, vorzugehen.  Der jüdische Chronist Salomo bar Simeon berichtet z.B. über den Herzog Gottfried von Bouillon:

Er tat den bösen Schwur, nicht anders seinen Weg zu ziehen, als indem er das Blut seines Erlösers an dem Blute Israels rächen und von jedem, der den Namen Jude trägt, weder Rest noch Flüchtling übrig lassen werde…

Allein in Deutschland wurden Tausende von Juden ermordet: in Worms (ca. 800), in Mainz (mehr als 1000), auch in Regensburg und anderen Städten. Auch in Prag und in ganz Böhmen geschah das gleiche.

 

Die Inquisition wurde auch als besondere Form von Gerichtsverfahren unter der Mitwirkung oder im Auftrag von katholischen Geistlichen (Dominikanern) eingesetzt. Sie diente  in erster Linie der Verfolgung von Häretikern (zunächst Katharer, Waldenser, später auch Juden, Hexen). Zum Teil wurde dabei gefoltert. Todesurteile wurden auch gefällt. Im 15. Jh. baten die spanischen katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon den Papst Sixtus IV. um die Einrichtung einer Inquisition. Sie richtete sich vor allem gegen konvertierte Juden (Conversos). Die Zahlen der Opfer sind schwer zu ermitteln. Man geht aber von 1500 bis zu 12 000 Todesopfern aus.

Die Kirche unterstützte auch die antisemitischen Schriften von Peter Schwarz (Petrus Nigri, 1434-83), einem deutschen Dominikanermönch, und von Johannes Pfefferkorn (1469-1521). In „Gegen die treulosen Juden über die Bedingungen des wahren Messias“ (Contra perfidos Judaeos de conditionibus veri Messiae) schrieb Peter Schwarz 1475:

Ich glaube auch, dass es für die Gläubigen höchst notwendig sein wird, in den Zeiten des Antichrists Kenntnisse in der hebräischen Sprache zu haben; denn seine Jünger, die ungläubigen Juden, die jetzt die Kirche - ach wie üppig! - in ihrem Schoß nährt, durcheilen in einem falschen Glaubenseifer die ganze Welt, um zu diskutieren und die Gottheit Christi zu bekämpfen.

Als Werkzeug der Kölner Dominikaner in deren Kampf gegen das Judentum schrieb Johannes Pfefferkorn mehrere Schmähschriften gegen die Juden, darunter "Wie die blinden Juden ihr Ostern halten", "Judenbeicht" (alle 1508) und "Judenfeind" (1509).

 

Die Reformation

Die Reformation war ein wichtiges Ereignis in der Kirchengeschichte, denn bisher war die Römisch-Katholische Kirche das einzige religiös-weltliche System, das von Bedeutung war. Die römische Kirche galt damals vielen Zeitgenossen als reformbedürftig, daher ist diese Zeit im Zusammenhang mit unserem Thema wichtig. Man könnte erwarten, dass nach Jahrhunderten der Judenverfolgung nun eine Reform gerade dieser Ersatz-Theologie ansetzen würde. Martin Luther als Hauptfigur in Deutschland erfuhr  eine große Zustimmung in der Öffentlichkeit aufgrund seiner  95 Thesen gegen die Praxis des Sündenablasses in der Kirche. Weniger bekannt ist seine Haltung gegenüber den Juden. Zunächst kann man aus einer seiner Frühschriften (1523 – Daß Jesus ein Geborner Jude Sei) erkennen, dass es ihm darum ging, die Juden zu bekehren. Die „wohlwollende“ Einstellung sollte sich jedoch zu einer antisemitischen Haltung entwickeln, die den meisten Menschen kaum bewusst ist. 1543 – drei Jahre vor seinem Tod – publizierte er eine Schmähschrift „Von den Juden und jren Lügen“ mit Vorschlägen an die Obrigkeit. Aus diesem zentralen Dokument des lutherischen Antisemitismus erfährt man zunächst mit Schrecken, was der Reformator von den Juden hielt:

Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Wenn ich könnte, wo würde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Jawohl, sie halten uns [Christen] in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“

Noch schlimmer seine sieben Vorschläge an die Obrigkeit, aus welchen ich hier drei zitiere:

Erstlich, dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacken davon sehen ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien …

Zum anderen, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben dasselbige drinnen, was sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder einen Stall tun …

Zum sechsten, dass man ... nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beiseite zum Verwahren. Und ist dies die Ursache, alles was sie haben (wie droben gesagt) haben sie uns gestohlen und geraubt durch ihren Wucher.

Da werden manche Erinnerungen wach … Dies führt uns direkt zu einer Episode der deutschen bzw. Weltgeschichte, wovon noch Zeugen unter uns leben. Dabei ist es wichtig, dass wir uns dessen bewusst werden, dass diese Kirchen Staatskirchen sind, d.h. weltliche Kirchen, die dem Staat dienen oder umgekehrt vom Staat benutzt werden.

 

Die Kirchen und der Nationalsozialismus

Wenn man von dem Nationalsozialismus spricht, denkt man an eine rassistisch geprägte Ideologie, die durch einen charismatischen Politiker in die Tat umgesetzt wurde. Der religiöse Aspekt dieser Ideologie ist weniger bekannt.

Wer den Nationalsozialismus nur als politische Bewegung versteht“, so hat Hitler geäußert, „weiß fast nichts von ihm. Es ist mehr noch als Religion: er ist der Wille zur neuen Menschenschöpfung“ (Fest, Hitler: Eine Biographie, Seite 305).

Sehr schnell nahm der Nationalsozialismus religiöse Züge an. Hitler erkannte sich als Werkzeug der Vorsehung, wurde zum Vollstrecker des Willens der Natur, zum himmlischen Rächer, zum „Messias“, zum Erlöser; ein Führer, der die Menschheit vom Irrweg zurückholen wollte, ein selbsternannter Märtyrer, der bereit war, sich im Kampf gegen das Böse zu opfern, das er in den „jüdischen“ Genen lokalisierte. Er wollte aus den Deutschen neue Menschen (die Arier) machen, ein neues Reich gründen. Dieser neue Mensch musste allerdings erst noch werden, was „der“ Jude nach Auffassung Hitlers immer geblieben war: „reinrassig“. Seine Formel „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ ähnelt Eph 4,5: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Sein Kampfeswille wurde von totalitärer Inbrunst getragen. Hitler war ein Glaubens-Fanatiker und das Sprachrohr einer höheren Macht. Er war bereit, „im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“ (Adolf Hitler: Mein Kampf,  Bd.1, S. 70).

Es ist also keine Überraschung, wenn die christlichen Kirchen aufgrund ihrer antisemitischen Ersatztheologie sich mit dem Nationalsozialismus verbündeten. Am 23. Juli 1933 gewann die "Glaubensbewegung Deutsche Christen" die Kirchenratswahlen in der neugeschaffenen einheitlichen Reichskirche und stellte damit die Bischöfe in fast allen evangelischen Landeskirchen.

Im Januar 1933 schrieb der evangelisch-lutherische Kirchenrat Dr. Hermann Steinlein aus Ansbach:„Nun habe ich aber in meiner Schrift ´Frau Dr. Ludendorffs Phantasien über Luther und die Reformation` (Leipzig 1932, A. Deichert) nachgewiesen, dass man in der evangelischen Kirche Jahrhunderte lang immer wieder auf  Luthers spotten

antijüdische Schriften hingewiesen hat.

1938 ließ der Landesbischof der Thüringer evangelischen Kirche Martin Sasse nach dem November-Progrom die Schrift von Luther neu drucken mit der Überschrift: „Martin Luther und die Juden – Weg mit ihnen!“ Die Zwischenüberschrift lautete: Die Juden - der "Abschaum der Menschheit". Zitate aus dieser Schrift:Durch das ganze Regiment des Volkes Israel und Juda ist nichts anderes gegangen als Gottes Wort zu lästern, zu verfolgen, zu

und Profeten zu würgen ... Sie sind aller Bosheit voll, voll Geizes, Neides, Hasses untereinander, voll Hochmut, Wucher, Stolz, Fluchen wider uns Heiden ... Ebenso mögen die Mörder, Huren, Diebe und Schälke und alle bösen Menschen sich rühmen, dass sie Gottes heilig, auserwähltes Volk sind.

Am 4. April 1939 wurde das Entjudungsinstitut im evangelischen Predigerseminar Eisenach gegründet. Ziel dieser Einrichtung war die „Entjudung“ der Bibel und der theologischen Ausbildung.

Am 17. Dezember 1941 gaben sieben evangelische Landeskirchen in Berlin bekannt, dass „rassejüdische Christen ... in ihr keinen Raum und kein Recht“ haben. Die getauften Juden wurden offiziell aus diesen Kirchen ausgeschlossen. Ca. 160 700 „Christen nichtarischer Herkunft“ wurden von den Kirchen ausgeschlossen, darunter ca. 200 Pfarrer jüdischer Abstammung, die zum größten Teil in den KZs umkamen.

1921 veröffentlichte der evangelische Pfarrer Friedrich Wilhelm Auer aus der bayerischen Landeskirche die antisemitische Studie „Das jüdische Problem“, in welcher er öffentlich zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief. Am 11.9.1942 schreibt er an den NSDAP-Politiker und Chefredakteur der antisemitischen Wochenzeitung „Der STÜRMER“, Julius Streicher:

"Wenn der Feind nicht innerhalb 24 Stunden unsere Friedensbedingungen annimmt, wird eine Bartholomäusnacht veranstaltet und kein Jude verschont. Schade ist es um keinen."

Bis 1933 nahm die Römisch-Katholische Kirche zunächst eine kritische Haltung ein. Ab dann aber erkannte sie die nationalsozialistische Regierung als die rechtmäßige Obrigkeit an.

So liefert z.B. Johannes Maria Gföllner, Bischof von Linz (Österreich) in seinem Hirtenbrief vom Januar 1933 ein Zeugnis eines tiefgreifenden kirchlichen Antisemitismus:

Es ist strenge Gewissenspflicht eines jeden Christen, das entartete Judentum zu bekämpfen.“

Dieses sind nur ein paar Beispiele des Verhaltens der Kirchen unter dem Nationalsozialismus. Andererseits haben einzelne Angehörige dieser Kirchen – trotz der offiziellen Haltung ihrer Kirchen – mutig gegen das Regime von Hitler gekämpft .

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass viele Persönlichkeiten des Nationalsozialismus ihr Handeln aufgrund ihres Glaubens gerechtfertigt haben.

Hitler: „Ich tue nur, was die Kirche seit fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher.“

Der Nationalsozialismus ist weder antikirchlich noch antireligiös, sondern im Gegenteil, er steht auf dem Boden eines kirchlichen Christentums.“

So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“

Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung; sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“

Julius Streicher, (Chefredakteur des STÜRMER) vor dem Strafgerichtshof in Nürnberg: „Dr. Martin Luther säße sicher heute an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch [Von den Juden und ihren Lügen] von der Anklagebehörde in Betracht gezogen würde.“

Adolf Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem: „… Aus dieser Einstellung heraus tat ich reinen Gewissens und gläubigen Herzens meine mir befohlene Pflicht.“

Anhand dieser wenigen Beispiele ist es nicht zu verleugnen, dass die antisemitische Theologie der christlichen Staatskirchen in diesem dunklen Kapitel der Geschichte eine wesentliche Rolle spielte. Hat sich nun seitdem etwas geändert?

 

Die Zeit nach dem Krieg

1948 ergab sich für die Kirchen eine neue Situation: die Juden kamen in ihr Land zurück, aus dem sie ca. 20 Jahrhunderte vorher vertrieben worden waren. Die Reaktion der christlichen Kirchen entsprach ihrer Theologie.

Als es dann trotz vatikanischem Veto zur Gründung des Staates Israel kam, kommentierte der "Osservatore Romano", die offizielle Zeitung des Vatikans, am 14. Mai: "Der moderne Zionismus ist nicht der wahre Erbe des biblischen Israel, sondern ein weltlicher Staat ... deshalb gehören das Heilige Land und seine geheiligten Stätten der Kirche, die das wahre Israel ist."

Ähnlich die Reaktion der evangelischen Kirchen: Der Bruderrat der evangelischen Kirchen bekräftigte in seinem „Wort zur Judenfrage“: „Die Erwählung Israels ist durch und seit Christus auf die Kirche aus allen Völkern, aus Juden und Heiden übergegangen...“.

Seitdem hat sich trotz aller Bemühungen, trotz aller Dialogbereitschaft, trotz zwei Vatikanischer Konzile nach dem letzten Krieg und den Erklärungen aus dem Vatikan die klassische Ersatztheologie der römisch-katholischen Kirche offiziell nicht geändert. Es wird viel vom christlich-jüdischen Dialog gesprochen, aber eine offizielle Zurücknahme der falschen Ersatztheologie gab es bisher nicht.

Erich Zenger, der von 1973 bis 2004 Professor für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster war, schrieb 1991 (Vorwort zu seinem Buch: Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen): „Bis heute haben Theologie und Kirche ein ungeklärtes Verhältnis zu diesem Teil der christlichen Bibel  [gemeint ist das AT]. Entweder wird er faktisch ignoriert (wo wird schon darüber gepredigt?) und insgeheim verachtet (was kann man nicht alles über "alttestamentliche" Texte lesen, sogar bei christlichen "Alttestamentlern"!), oder er wird, freilich selektiv, christlich so vereinnahmt, dass er den Juden, seinen Erstadressaten, weggenommen wird von der Kirche, die sich für das "wahre" Israel hält und in dem die mit dem "alttestamentlichen" Israel begonnene Offenbarungsgeschichte angeblich "aufgehoben" ist.“

Ein aktuelles Beispiel für die zwiespältige Haltung der evangelischen Kirchen gegenüber den Juden ist deren Ablehnung einer Teilnahme von messianischen Juden am Kirchentag 2012. Dort wurde ihre Beteiligung am „Markt der Möglichkeiten“ aus welchen Gründen auch immer verboten trotz der offiziellen Erklärung:

Initiativen und Organisationen aus Kirche und Gesellschaft können einen Stand auf dem „Markt der Möglichkeiten“ oder der „Messe im Markt“ beantragen.

In sozio-politischer Hinsicht nimmt der Protestantismus zur Zeit gegenüber Israel eine aktive Haltung ein, die eindeutig pro-palästinensisch ist. Hier zwei aktuelle Beispiele. Die Evangelische Kirche im Rheinland veröffentlichte am 04.10.2012 folgenden Artikel: „Solidarische Kirche – Weil Besatzung bitter schmeckt: Die 'Solidarische Kirche im Rheinland' unterstützt den Aufruf zum Kaufverzicht auf Waren aus israelischen Siedlungen, genauer die Pax-Christi-Aktion 'Besatzung schmeckt bitter'.Mit überwiegender Mehrheit beschlossen die Teilnehmenden der Tagung 'Israel und Palästina - der schwierige Weg zu Gerechtigkeit und Frieden', sich der Aktion anzuschließen. 'Besatzung schmeckt bitter - Kaufverzicht für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel' heißt die Aktion von Pax Christi. Zugleich wird eine eindeutige Kennzeichnung von Waren aus israelischen Siedlungen gefordert. Des Weiteren wendet sich die Solidarische Kirche gegen

Rüstungsexporte in den Nahen Osten, insbesondere gegen U-Boot-Lieferungen nach Israel und Ägypten sowie Panzerlieferungen an Saudi-Arabien.

Die Solidarische Kirche, die ihre Wurzeln im Widerstand gegen die von den Nationalsozialisten dominierte Reichskirche hat, ist im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung engagiert. Bei der Israel-Palästina-Tagung in Essen ging es um 'Kriegsgefahr und Friedensstrategien' sowie um 'Traumata und Friedensarbeit' in Nahost.“

Die Wurzeln dieser „Solidarischen Kirche“ werden eher durch einen Vergleich mit Bildern aus der Zeit des Nationalsozialismus enttarnt, auf welchen Zivilisten (Deutsche Christen?) vor jüdischen 

Geschäften stehen, auf welchen die Parole steht „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“.

Ein zweites Beispiel finden wir in einem Artikel, der im Dezember 2012 in Israel Heute mit dem Titel erschienen ist: Antisemitismus in kirchlichen Chefetagen. Da heißt es: „Die Chef-Etagen der protestantischen Kirchen in Amerika haben in einem Brief vom 8. Oktober den US-Kongress, die Legislative der Vereinigten Staaten von Amerika, aufgefordert, jegliche finanzielle Hilfe an Israel zu überprüfen und gegebenenfalls einzustellen. Zur Begründung hieß es, Israel verletze die Menschenrechte der Palästinenser. Eine Überprüfung der US-Finanzhilfe an die Palästinenser wurde nicht gefordert. Auch wurde deren Weigerung, Israel als Staat überhaupt anzuerkennen, nicht hinterfragt. Unter den Unterzeichnern ist der lutherische Bischof von Amerika.

Hat sich nun etwas Wesentliches an der antisemitischen Haltung der Kirchen in unserer Zeit geändert

 

Das „Christliche Abendland“

Unsere Kultur, die noch als „Christliches Abendland“ bezeichnet wird, wurde, wie der Name sagt, maßgeblich vom Christentum geprägt. Dieser Begriff, der erstmals 1529 erscheint, ergab sich aus der antiken und mittelalterlichen Vorstellung von Europa als dem westlichsten, der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegenen Erdteil. Das Abendland steht im Gegensatz zum griechisch-orthodox und islamisch geprägten Morgenland oder zum Orient. Die griechisch-orthodoxe Kirche wird auch als die Morgenländische bezeichnet. Heute wird eher der Begriff „Europa“ benutzt, womit eher der politisch-wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund steht.

Wir haben gesehen, wie die Lehre der christlichen Kirche in Bezug auf Israel, die Ersatztheologie, dazu führte, dass die Juden – mit oder ohne Staat – im Laufe der Jahrhunderte verfolgt wurden. Ich glaube, es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, nach irgendeiner Zeit der Kirchengeschichte zu suchen, die frei von Antisemitismus wäre. Nun leben wir jetzt in einer Zeit, wo die Kirche ihre führende Rolle in der Gesellschaft verliert und ihre Mitglieder scharenweise austreten. Wenn Antisemitismus mit der Ersatztheologie der Kirche zu tun hat und gleichzeitig die Kirche ihren Einfluss in der Gesellschaft verliert, müssten logischerweise auch die Auswirkungen des Antisemitismus abnehmen. Und doch ist dessen Tendenz zunehmend. Wie kann man dies erklären? Eine übereiligte Schlussfolgerung wäre zu behaupten, dass Antisemitismus doch nichts mit der Lehre der Kirche zu tun hat.

Die Kultur Westeuropas ist das Ergebnis einer langen Geschichte, wobei die Religion – wie in allen anderen Kulturen – eine nicht zu beachtende Rolle spielt. Im Bereich der Soziologie gibt es den Begriff „Kollektivbewusstsein“, der von dem französischen Soziologen Émile Durkheim (1858-1917), der selber Sohn eines Rabbiners war, geprägt wurde. Dazu schreibt er: „Die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft bilden ein umgrenztes System, das sein eigenes Leben hat; man könnte sie das gemeinsame oder Kollektivbewußtsein nennen.“ Ähnliche Gedanken hatte auch Oswald Spengler. In seinem Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes", das er 1918 veröffentlichte, behauptete er, dass Kulturen Organismen seien. Kulturen waren für ihn sozusagen Riesenpflanzen, die aus einer mütterlichen Landschaft heraus geboren werden, wachsen, reifen und schließlich verfallen.

Diese Gedanken sind den Schriften des Alten Bundes in der Bibel nicht fremd. Dort wird z.B. das Volk Israel personifiziert und oft mit „du“ angesprochen.

Wenn also die Religion durch ihre antisemitische Theologie die Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft Jahrhunderte lang prägt, entsteht im Kollektivbewusstein eine antisemitische Grundtendenz, die in allen Generationen dieser Gesellschaft präsent ist. Dem Begriff „Jude“ haftet dann eine negative Bedeutung an, was den Mitgliedern dieser Gesellschaft nicht bewusst ist. Das Kollektivbewusstsein dieser Gesellschaft führt als eigenständiges Leben sein eigenes Leben und überlebt die Generationen der Mitglieder dieser Gesellschaft.

So könnte man erklären, warum es heute unter uns so viele Menschen gibt – egal ob mit oder ohne kirchlichen Hintergrund – die antisemitisch denken. Die Kirche hat dem Christlichem Abendland eine schwere Bürde hinterlassen, der man sich erst dann bewusst wird, wenn man die Geschichte der Kirche kritisch untersucht. Es liegt an jedem von uns, seine eigene Verantwortung diesbezüglich zu tragen, insbesondere vor dem Gott, der das Volk Israel auserwählt hat und der weder ruht, noch schläft.

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