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CHRISTENTUM UND ANTISEMITISMUS

Nikolaj Alexandrowitsch Berdjaew (1874-1948) ist einer der bedeutendsten russischen Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde im Kiewer Gouvernement geboren. Berdjaew nahm das Jurastudium an der Kiewer Universität auf, aber im Jahr 1898 wurde er als Mitglied der sozialistischen Bewegung festgenommen. In jungen Jahren gehörte er zu den Marxisten, wurde jedoch bald von Marx enttäuscht und interessierte sich stattdessen für die Philosophie von Wladimir Solowjow. Danach arbeitete er seine eigene Weltanschauung aus. Im Jahr 1922 wurde er wegen seiner ideologischen Ansichten zusammen mit den anderen Vertretern der russischen Intelligenz aus dem sowjetischen Russland verbannt. Er lebte zuerst in Berlin und zog später nach Paris um. Im Jahr 1926 gründete er die Zeitschrift „Putj“ (Der Weg), und war als deren Chefredakteur bis 1939 tätig.

Leon Blua, ein leidenschaftlicher Katholik, schrieb: „Stellen Sie sich vor, die Menschen, die Sie umgeben, würden ständig mit der höchsten Verachtung über Ihre Eltern sprechen, und würden nur erniedrigende Schimpfwörter und sarkastische Bemerkungen für Sie gebrauchen. Wie würden Sie sich dabei fühlen? Aber genau dasselbe geschieht mit dem Herrn Jesus Christus. Manche vergessen oder wollen nicht wissen, dass unser Gott, der ein Mensch wurde, ein Jude war, geboren mit dem Privileg, ein Jude zu sein, dass seine Mutter eine Jüdin, eine Blume der jüdischen Rasse war, dass die Apostel Juden waren, so wie auch alle Propheten, und schließlich, dass unsere heilige Liturgie aus den jüdischen Büchern entnommen ist. Wie soll man dann nach all dem die Abscheulichkeit der Beleidigungen und Lästerung gegenüber der jüdischen Rasse noch ausdrücken?“

Diese Worte sind hauptsächlich an die christlichen Antisemiten gerichtet und sollten von ihnen gehört werden. Die Oberflächlichkeit der Christen, die es für möglich halten, antisemitisch zu sein, ist wirklich sehr verwunderlich. Das Christentum ist von seinem menschlichen Ursprung her eine Religion nach jüdischem Urbild, d.h. es trägt eine messianisch-prophetische Form. Das jüdische Volk brachte den messianisch-prophetischen Geist in das religiöse Weltbewusstsein ein; dieser Geist war vollkommen fremd für die griechisch-römische geistliche Kultur, ebenso wie für die hinduistische Kultur. Der „arische“ Geist ist weder messianisch noch prophetisch, ihm ist das jüdische intensive Gefühl für die Geschichte fremd, fremd auch die Erwartung des Kommens des Messias, der Durchbruch der Metageschichte in die Geschichte. Die Tatsache, dass germanischer Antisemitismus sich in Antichristentum verwandelt, muss als eine bedeutungsvolle Erscheinung anerkannt werden. Eine Welle des Antisemitismus ergoss sich über die Welt, die immer neue Länder mit sich zu überfluten droht, und die die geisteswissenschaftlichen Theorien des 19. Jahrhunderts zunichtemacht.

Aber die jüdische Frage beinhaltet nicht lediglich politische, wirtschaftliche, rechtliche oder kulturelle Aspekte. Dieses Problem hat unvergleichbar tiefere, religiöse Gestalt, was das Schicksal der Menschheit angeht. Das ist der Mittelpunkt, um den sich die ganze religiöse Geschichte dreht. Das geheimnisvolle historische Schicksal der Juden! Selbst die Erhaltung dieses Volkes ist unbegreiflich und rational unerklärbar. Aus der Sicht der üblichen historischen Erklärungen müsste dieses Volk aufgehört haben zu existieren. Kein Volk auf der Erde würde ein ähnliches Schicksal überstehen. Das jüdische Volk ist ein Volk mit Privilegien, es brachte in die Geschichte des menschlichen Bewusstseins das historische Bewusstsein ein. Und die Geschichte war erbarmungslos gegenüber diesem Volk. Es war eine Geschichte der Verfolgungen und der Verweigerung der einfachen Menschenrechte. Und nach der langen Geschichte, die leidenschaftliche Anstrengung der Kräfte zur Selbsterhaltung forderte, behielt dieses Volk seine Identität, und während der ganzen Verstreuungszeit der Juden unter anderen Völkern wurde diese Identität von allen erkannt und oft gehasst und verflucht. Kein anderes Volk auf der Erde würde solch eine lang andauernde Zerstreuung überleben, es würde wohl seine Identität verlieren und sich unter den anderen Völkern auflösen. Aber nach den unbegreiflichen Wegen Gottes soll dieses Volk bis zum Ende der Zeiten erhalten bleiben. Wir könnten das Schicksal des Judentums natürlich am wenigsten vom Standpunkt des materialistischen Verständnisses der Geschichte her erklären. Wir stoßen hier an das Geheimnis der Geschichte.

Die jüdische Frage kann man aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Aber sie hat eine besondere Bedeutung als Problem innerhalb der christlichen Welt. Antisemitismus wurde in früheren Zeiten hauptsächlich von den Christen hervorgebracht, von denen man dies eigentlich am wenigsten erwarten sollte. In der Beziehung zum jüdischen Volk liegt auf den Christen eine große Sünde. Diese Sünde war besonders groß im Mittelalter, als Feudalritter die Juden verfolgten und töteten, um ihre Schulden nicht zurückzahlen zu müssen; und deswegen liegt jetzt auf den Christen die Verpflichtung, die Juden zu schützen. An dieser Stelle ist es angebracht, sich an den Namen Wl. Solowjow zu erinnern, der aus seiner christlichen Sichtweise den Schutz der Juden als wichtigste Aufgabe seines Lebens sah. Für uns Christen, ist die jüdische Frage gar nicht die Frage, ob die Juden gut oder schlecht sind, sondern die Frage, ob wir Christen, gut oder schlecht sind. Mit Bedauern muss man sagen, dass Christen sich in dieser Frage als sehr schlecht erwiesen haben; angesichts der höheren Ansprüche des christlichen Selbstverständnisses waren sie meist schlimmer als Juden. Aber die Frage, ob ich selbst gut bin, ist wichtiger zu stellen, als die Frage, ob mein Nachbar gut ist, denn wir neigen dazu, ihn wegen irgendetwas zu beschuldigen. Christen und christliche Kirchen sind oft gezwungen, vieles, was sie gemacht haben, zu bereuen, nicht nur in der jüdischen Frage, sondern auch auf sozialem Gebiet, in Kriegsfragen, in dem ständigen Konformismus gegenüber den abscheulichsten Staatsformen. Und hier spielen die Mängel der Juden keine so prinzipielle Rolle mehr.

Antisemiten mögen es sehr, darüber zu reden, dass auch die Bibel die Halsstarrigkeit des jüdischen Volkes bezeugt. Aber welches Volk war nicht halsstarrig? Waren denn die Babylonier, Assyrer, Ägypter, Perser nicht halsstarrig? Hatten denn die Griechen, die die größte Weltkultur erschaffen hatten, nicht ihre abschreckenden Eigenschaften? Man sollte jedes Volk nach seinen Errungenschaften und nicht nach seinen Mängeln beurteilen. Man sollte das deutsche Volk nach seinen größten Philosophen, Mystikern, Musikern, Dichtern, und nicht nach dem russischen Großgrundbesitzer und Krämern in Deutschland beurteilen. Und auch das jüdische Volk sollte man nach seinen Propheten und Aposteln, und nicht nach jüdischen Wucherern beurteilen. Jeder mag seine Sympathien und Antipathien gegenüber den anderen Völker haben. Es gibt Menschen, die keine Deutsche, Polen oder Rumäne leiden können. Hier lässt sich nichts dagegen machen, denn man kann keinem aufzwingen, zu lieben oder seine Abneigung zu unterdrücken. Aber der Hass gegenüber einem ganzen Volk ist eine Sünde, ist ein Menschenmord, und derjenige, der hasst, muss dafür die Verantwortung tragen. In der Beziehung zu Juden ist es noch komplizierter. Die Juden kann man nicht lediglich als eine Nationalität ansehen. Die Juden sind ein besonderes Volk mit einem außergewöhnlichen religiösen Schicksal. Das auserwählte Volk Gottes, aus dem der Messias kam, und das den Messias ablehnte, kann nicht ein historisches Schicksal haben, das dem Schicksal anderer Völker ähnelt. Dieses Volk ist zusammengebunden, aber nicht mit den Eigenschaften, die andere Völker zusammenhält, sondern mit der Außergewöhnlichkeit seines religiösen Schicksals für Jahrhunderte vereinigt. Christen sind gezwungen, die Auserwählung des jüdischen Volkes durch Gott anzuerkennen. Dazu fordert die christliche Lehre auf. Aber sie tun das ungern, und oft vergessen sie es. Wir leben in einer Epoche des ausgeprägten Nationalismus, des Kultes rücksichtsloser Kraft und der wirklichen Rückkehr zum Heidentum. Es geschieht ein Prozess in der menschlichen Gesellschaft, der dem Prozess der Christianisierung und der Humanisierung entgegengesetzt ist. Der Nationalismus hätte eigentlich von der christlichen Kirche als Ketzerei verurteilt werden müssen…

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