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Harmut Közle

"Mein Wesen war dir nicht verborgen"

Wo soll ich anfangen? Bei mir selbst? Vor fast 10 Jahren oder vor nunmehr 60 Jahren? Oder soll ich bei meinem ältesten Großonkel Johann Friedrich Christian vor mehr als 100 Jahren anfangen? Oder gar vor 430 Jahren? Ich fange mit dem an, was sich vor fast zehn Jahren zutrug: Von einem früheren Arbeitskollegen, der nunmehr wegen seines Alters und weil er alleinstehend geworden war, in einem Altersstift untergebracht wurde, erhielt ich einen Rundbrief des edi (Evangeliumsdienst für Israel); er wiederum hatte ihn von einer anderen Heimbewohnerin erhalten, da sie der Ansicht war, dass er als Jude daran interessiert sei.

 

Weil mir dieser Rundbrief zusagte, bestellte ich ihn für mich selbst ebenfalls. Dadurch wurde ich auf die jährlich stattfindende Israelkonferenz (1997) des edi aufmerksam gemacht und erfuhr dort den Ort und die Zeit der Zusammenkünfte der Gemeinde „Schma Israel“, damals noch in Esslingen/N. Diese besuchte ich dann von Zeit zu Zeit (der Anfahrts- und erst recht der Heimweg mit Bahn und Bus war wegen der Zusammenkunftszeiten sehr beschwerlich).

 

Durch den Leiter der „Christlichen Bücherecke“ in Tuttlingen kam ich dann auf Umwegen auch mit der Gemeinde „Adon Jeschua“ in Stuttgart-Feuerbach in Verbindung – wie, das ist eine Sache für sich, auf jeden Fall hat der Kontakt über zwei Ecken auf Anhieb gepasst.

 

Und damit bekam ich dann auch gleich die erste Ausgabe der Zeitung „Kol Hesed“ in die Hände, die ich seither regelmäßig mit Aufmerksamkeit und innerer Teilnahme lese. Es sind nicht nur die lebendigen Zeugnisse darin, sondern auch die ausführlichen theologischen Artikel, die mich interessieren. Und damit komme ich zu dem, was vor 60 Jahren anfing.

 

Ich war damals erst fünf Jahre alt, war jedoch nicht getauft und hatte fast keine religiösen Vorstellungen; das war kein Thema in der Familie. Meine Schwester war dann vom ersten Religionsunterricht in der Schule heimgekommen und hatte mir die Sache mit Adam und Eva erzählt und auch von dem Lied, das sie gelernt hat: „Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn“. Als ich zwei Jahre später selbst in die Schule kam, hatte die Religionslehrerin in der ersten Stunde genau dasselbe erzählt, und wir hatten dasselbe Lied gelernt. Nur hatte sie noch erwähnt, dass die Geschichte in der Bibel steht. So war es mein spontaner Entschluss, mir von meinem ersten Geld, das ich verdienen würde, eine Bibel zu kaufen. (Dass die Trau-Bibel meiner Eltern in der zweiten Reihe des Bücherschranks stand, wusste ich nicht.)

 

Ich besuchte dann neun Jahre lang den evangelischen Religionsunterricht und hatte besonders dann aufgepasst, wenn biblische Geschichten erzählt wurden, doch Bibelsprüche und Liedertexte auswendig zu lernen, war nicht meine Sache, und so redete ich mich immer heraus. Ich brauchte das nicht, denn ich sei nicht getauft. Dann war ich also 15 Jahre alt und konnte mir meine erste Bibel anschaffen, eine Elberfelder Bibel, da ich zuvor einen Mann kennengelernt hatte, der mir die Bibel erklären wollte. Auch hatte ich in der Gemeinschaft, in die er mich einführte, die gesamte Bibel gut kennengelernt, von der ersten messianischen Verheißung im Garten Eden über all die Hinweise auf den kommenden Messias bis hin zum Auftreten des Messias Jesus (Jeschua) als Ziel des Wirkens Gottes mit Israel. Auch wurden einzelne hebräische und griechische Ausdrücke in der Bibel verwendet, so dass ich mir zwei Jahre später die Bibel auch in den Grundsprachen anschaffte und mir dann stückweise Grundkenntnisse in diesen Bibelsprachen autodidaktisch aneignete. Dadurch blieb ich relativ unabhängig gegenüber jeglichen traditionellen kirchlichen Ansichten und zunehmend auch gegenüber spekulativen Ansichten, die in endzeitlich ausgerichteten Gemeinschaften so großen Raum einnehmen.

 

Bei einer Schulung von „Ältesten“ in der Gemeinschaft, zu der ich dann (1978) gehörte, wurde in einem Lehrstück gesagt, man müsse genau unterscheiden zwischen dem, was die Bibel selbst sagt, und was nur Schlussfolgerungen seien. Ich nahm das Wort sehr ernst. Das war dann der Beginn davon, dass ich mich in meinen Vorstellungen immer mehr von dieser Gemeinschaft löste und mich noch enger an die Bibel selbst hielt. Es war dann ein Schwebezustand, bei dem ich mich besonders bemühte, weiterhin Menschen aus anderen Sprachgebieten mit dem Worte Gottes selbst vertraut zu machen. Und das ging dann 20 Jahre lang so, bis ich 1997 Anschluss an die messianischen Gemeinden in Stuttgart erhielt, etwa

100 km von meinem Wohnort entfernt. Dabei bekam ich auch Kontakt zur „Arbeitsgemeinschaft für Ausländermission“ und letzten Endes zu einer freien Evangeliums-Versammlung in meiner Nähe.

 

Trotzdem hatte ich noch Kontakt zu messianischen Gemeinden in Stuttgart, um die speziellen jüdischen Aspekte immer besser kennenzulernen. Habe ich mir doch im Laufe der letzten fast 50 Jahre schon allerhand Literatur in dieser Richtung angeschafft (Anmerkung für euch: Neben der hebräischen Bibel überhaupt auch verschiedene hebräische Übersetzungen des Zweiten Bundes (gemäß Hebr. 7, 22; 8, 7), die hebräische Konkordanz dazu, dann die Septuaginta und die Konkordanz dazu sowie Kommentare wie der umfangreiche „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch“ von Strack/ Billerbeck, das fünfbändige palästinische Targum „MS. Neophyti 1“ zur Torah und vieles Weitere).

 

Was ich im Laufe der Jahrzehnte gelernt habe, war, dass ich mich immer mehr in die Situation zu versetzen suche, in der das Wort Gottes durch seine Propheten und andere seiner Boten und vor allem durch Jeschua selbst an die Hörer und Leser der damaligen Zeit erging – streng gemäß dem Satz, den ich einmal in einem „Leitfaden“ geschrieben fand: „Gebrauche einen Schrifttext nie auf eine Weise, die nicht mit dem übereinstimmt, was der Schreiber im Sinn hatte.“

 

Zumindest sollte man das jüdische Denken und auch die Bildersprache jener Zeit im Verständnis und in der Auslegung der Texte berücksichtigen. Dadurch ergeben sich ganz neue Perspektiven zum Verständnis der Texte, indem sie nämlich als für ihre Zeit oder die der nächsten unmittelbar folgenden Generationen geschrieben gesehen werden und nicht etwa für eine spekulative Zeit, die heute noch Zukunft ist. Sondern das Ziel der meisten dieser Voraussagen, gerade auch im Buch Daniel, ist die Zeit des Auftretens des Messias im 1. Jahrhundert der internationalen Zeitrechnung (i. Z.) und das Gericht über Jeruschalajlm rund 40 Jahre später. Daher auch die präzise Vorausschau auf die 70 Jahr-Wochen darin (beachte dazu den Text Lukas 3,15: „Die Menschen befanden sich in einem Zustand gespannter Erwartung“ (JNT) bezüglich des Auftretens des Messias gemäß Daniel 9, 24–27).

 

Erst vor fünf Jahren, sieben Jahre nach dem Tode meines Vaters, erhielt ich von meiner Stiefmutter das alte Familienalbum sowie die Ahnentafel ausgehändigt. Und als ich mich darangemacht hatte, meine Vorfahren sowie die in ganz Deutschland verstreut lebenden Verwandten ausfindig zu machen und mir von ihnen weitere Familienunterlagen zugänglich gemacht wurden, erfuhr ich mehr über meinen Großonkel Johann Friedrich Christian Közle.

 

Er wurde 1870 in Glasgow in Schottland geboren, wo mein Urgroßvater Leiter der deutschen Gemeinde war, nachdem er im Pilgerwerk der Chrischona (Schweiz) ausgebildet worden war. Als etwa 13-Jähriger wurde mein Großonkel auf das orientalische Seminar In Leipzig geschickt, wo er Arabisch, Persisch und möglicherweise auch schon Hebräisch lernte. Auf jeden Fall besuchte er dann ein paar Jahre später das Institutum Judaicum in Leipzig und lernte dort Franz Delitzsch, den Übersetzer des Neuen Testaments ins Hebräische, und vermutlich auch Joseph Rabinowitz aus Kischinev persönlich kennen. Die

 

Pflegetochter seines Mentors war die messianische Jüdin Manja Hanselmann aus Kischinew, mit der er sich verlobte. Eigentlich sollte er von dort aus nach Gallizien gehen, um den Juden die Frohe Botschaft über den Messias Jeschua zu bringen. Er begeisterte sich so sehr darin, dass sein Vater ihn mit allen Mitteln dazu bewegen wollte, nach Tübingen zu gehen, um dort ein Theologiestudium zu beenden. Das gelang ihm wohl, aber auch dort ließ er sich wieder dafür begeistern, schnell weg in die Mission zu ziehen und zwar in den Vorderen Orient, da er diese Sprachen beherrschte, besonders die Arabische. (Angeblich war er auch unerkannt nach Mekka gelangt, so dass er in der Familie der Hadschi genannt wurde). Er konnte somit sowohl Moslems als auch in Persien und im heutigen Irak lebenden Juden die Botschaft über den Messias Jeschua predigen.

 

Nach wenigen Jahren bekam er jedoch Fleckthyphus und dazu noch Malaria. Er starb nach verhältnismäßig kurzer Zeit im März 1895 und wurde in Urmia (Persien) begraben. Was aus Manja Hanselmann geworden ist, konnte ich nicht ermitteln. In der Familie wurde darüber einfach geschwiegen. Von mir selbst kann ich euch nur ein kleines Passfoto zur Verfügung stellen.

Durch die Nachforschungen, vor allem im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart, erfuhr ich, dass mein leiblicher Urururgroßvater (1751–1828) ein Pfarrer war, einer der 32 Pfarrer im Geschlecht Seeger in der Zeit zwischen 1570 und 1830. Eine seiner Großtanten war Johanna Regina Seeger, die die Frau des Prälaten und Bibelübersetzers Johann Albrecht Bengel wurde. Andere Linien führen in die Pfarrerfamilien Andrea und Süsskind. So scheint meine Neigung zur Heiligen Schrift direkt in mir geschlummert zu haben, so dass ich die Bibel durch einen einzigen Anstoß in der Kindheit zuerst zu meiner Hobbylektüre, später aber als meine Wegleitung konsequent ernst genommen habe und sie zu meiner Lebensaufgabe wurde.

 

Immer wieder bin ich darin von Adonai und Jeschua gelenkt worden, denn: „Mein Wesen war dir nicht verborgen“ (Tehilim 139,15). Dadurch konnte ich auch die enge Verknüpfung des jüdischen Volkes mit der ganzen Bibel wahrnehmen. Somit ist für mich klar geworden, dass ich als einer der Messiasgläubigen aus den Gojim nur in den einen (echad) Ölbaum des „Israel Gottes“ einschließlich der „Fülle“ aus den Gojim (Galater 6, 15.16 und daraus entwickelt Römer 11,17–26) eingepflanzt werden kann – die Wurzel aber bleibt zum einen Adonai, der den Patriarchen Abram aus Ur sozusagen „herausgerufen“ hatte, wie dann Jitzchaq (Isaak) „der Sohn der Verheißung“ Adonais war und daher aus dieser Wurzel stammte.

 

Zum anderen ist da „die Wurzel Jischais“ (nicht: Jischai, die Wurzel), nämlich Jeschua (Römer 15, 8– 12; Jeschajahu 11, 10), der seine Schüler „herausruft“, sodass sie eine Ekkläsia, seine „herausgerufene Gemeinde“ werde, so wie in alter Zelt Jisrael als Qähäl, als „zusammengerufene Gemeinde“, bezeichnet wurde. Dabei bleiben die an den Messias Jeschua glaubenden natürlichen Nachkommen Abrahams durch Jitzchaq die „edlen Zweige“ dieses Ölbaums. Es besteht heutzutage noch das Problem, dass dies in den Beziehungen zwischen messianischen Juden und der Heiden Christenheit (ich nenne sie wegen ihrer Verquickung mit heidnischen Lehren und Bräuchen ernsthaft so) zumeist nicht wahrgenommen wird und Heidenchristen oft noch der Ansicht sind, sie erst müssten Juden die „wahre Religion“ bringen oder zumindest jüdische Leiter messianischer Gemeinden an ihren heidenchristlichen Bibel- und Hochschulen ausbilden.

 

Das Judentum selbst hat doch seit dem zweiten Jahrhundert vor der Geburt Jeschuas mit dem hellenistischen Einfluss, der die Sicht zu gewissen Aussagen der Schrift verdunkelt, schon genug zu tun. Daher sehe ich meine Verantwortung dort, wo ich nach meiner Sicht der biblischen Aussagen gefragt werde oder wo ich Ergänzungen zu Gesagtem und Geschriebenem hinzufügen kann, falls mir in der Gemeinde, in der ich stehe, und auch in messianischen Gemeinden, Gelegenheit dazu gegeben wird, diese zu äußern. Das betrifft nicht nur Lehrpunkte, sondern auch die in der Schrift selbst niedergelegte Halacha, die Lebensregeln, die Jeschua selbst und die weiteren jüdischen (!) Schreiber der Schriften des Zweiten Bundes festgelegt haben. So fühle ich mich sowohl mit meiner heidenchristlichen Gemeinde in der Nähe als auch mit jüdisch-messianischen Gemeinden mit verschiedenen Aussagen konfrontiert, wobei für mich aber die ganze Schrift, sowohl die Schriften des Ersten Bundes, des Tenach, als auch die Schriften des Zweiten Bundes absoluten Vorrang haben, und ich dort, wo es mir notwendig erscheint, die Texte in den Grundsprachen hinzuziehe.

 

So schrieb der ausgewiesene Gelehrte Kurt Aland vom „Institut für neutestamentliche Textforschung“ in Münster/ Westfalen in seinem Buch über den Wegbereiter des Trinitätsdogmas, wie es dann auf dem Konzil in Konstantinopel im Jahr 381 formuliert wurde, Basilius von Caesarea: „Ebenso wie sein Bruder machte Basilius einen Bildungsgang ganz im Geiste der Spätantike durch. In welche die gelehrte Ausbildung auch der Christen im Wesentlichen vom Heldentum, seiner Literatur und Philosophie geprägt ist.“ (Von Jesus bis Justinian, Die Frühzeit der Kirche in Lebensbildern, GTB., S. 205). Die Allianz messianischer Juden in Deutschland (AMJDJ) hat deshalb zu Recht in Artikel 12 ihres Glaubensbekenntnis festgelegt: „Wir glauben, dass ein richtiges Schriftverständnis und ein darauf gegründetes Leben nur möglich ist, wenn wir die biblischjüdischen Wurzeln verstehen. Dadurch können die heidnischen Einflüsse, die das Christentum (besser gesagt: die Christenheit) 2000 Jahre hindurch geprägt haben, erkannt und ausgesondert werden.“ Damit stimme ich völlig überein.

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