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Aus unterschiedlichen mündlichen und schriftlichen russischen Quellen erhalte ich Informationen, dass unter den russischen Antisemiten wieder der Volksglaube verbreitet ist: „Die Juden haben Christus gekreuzigt.“ Die russischen Intellektuellen - so auch meine Eltern - hielten diesen Volksglauben für die Frucht der wilden Ignoranz der sogenannten „Ochotnorjadtsy“, der rückständigen Menschen in Russland. Ich bereue, dass ich als Schüler diese Meinung meiner Eltern geteilt habe.

Als Einziger in der Klasse hatte ich das Neue Testament gelesen, weil es auf den Regalen meines Vaters zusammen mit Werken von Platon, Plotin und anderen stand. Dass meine Altersgenossen sagten, die Juden hätten Christus gekreuzigt, hielt ich nicht für verwunderlich. Denn wie konnten die Armen denn das Neue Testament lesen? In der orthodoxen Kirche wird der 19. Juni als der Tag des Judas - Apostel und Bruder unseres Gottes, gefeiert. Das heißt: Vor  der 1917 wusste ein orthodoxe Christ, dass Judas ein verbreiteter jüdischer Name ist (Jehuda, d.h. „der Gott lobende“) und es außer Judas Iskariot noch den Heiligen Judas gab. Aber zu sowjetischen Zeiten blieb lediglich die Tatsache, dass „Judas“ Verräter bedeutet. Lenin nannte den Juden Trotski „Iuduschka“ (Verkleinerungs- und Koseform von Judas, gepaart mit Ironie und Sarkasmus - Anmerkung des Übersetzers).

Die irrige Ansicht, Antisemitismus sei die Frucht des russischen Analphabetentums, war vor der Machtergreifung Hitlers besonders verbreitet. Sie verstärkte sich bei mir dadurch, dass die Klassenkameraden, die Brot mit Butter und Äpfel zum Frühstück in die Schule brachten und fleißig lernten,  nie sagten, dass die Juden Christus gekreuzigt hätten. Sie sprachen auch nie das Wort „Jesus“ oder „Kruzifix“ aus und sehr selten das Wort „Jude“. Die grobe Beschimpfung „Zhid“ für Juden war für sie genauso unmöglich wie unflätiges Fluchen.

Dass die Juden Christus gekreuzigt haben, sagten die durchtriebenen Sitzenbleiber, die nicht mal zwischen Platon und Plotin unterscheiden konnten, sondern auch anstößig schimpften. Im Nachhinein interessierte mich der Antisemitismus einiger Christen deswegen, weil es das erstaunlichste Beispiel dafür ist, dass der Konformist unfähig ist, einen Widerspruch in seinem Konformismus zu bemerken. Konformismus unter Christen ist schon 16 Jahrhunderte zu beobachten.

Der orthodoxe Antisemit in Russland vor 1917 und der westliche Christ-Antisemit vor der Blütezeit des „wissenschaftlichen“ Antisemitismus in Deutschland unter Hitler war den Juden gegenüber feindselig eingestellt, weil sie keine Christen, sondern Andersgläubige waren, die Christus gekreuzigt hatten. Diese Beschuldigung der westlichen christlichen und später der katholischen Kirche begann im 4. Jahrhundert, als die Christen selbst nicht mehr verfolgt wurden, weil das Christentum die vorherrschende Glaubenslehre im Römischen Reich geworden war. Die katholischen Konzilien 1179 und 1215 in Rom führten ein Ghetto für

Juden ein und verlangten von ihnen das Tragen eines Erkennungszeichens. In seiner Schmähschrift „Die Juden und ihre Lüge“ (1543) schlug Martin Luther, der Urheber der protestantischen Reformation und Übersetzer der Bibel ins Deutsche, sieben Maßnahmen vor, von der Verbrennung der Synagogen bis zur Verbannung aller am Leben gebliebenen Juden wie „tollwütige Hunde“.

Auf diese entsetzliche Schmähschrift Luthers in seinen gesammelten Werken (54 Bände) machte mich mein New Yorker Freund Joel Carmichael aufmerksam, Autor einer Monographie über Christus und unermüdlicher Antisemitismusforscher. Was ist unsinniger als der Antisemitismus der Christen? Schlagen wir das Neue Testament auf! Jeschua (in griechischer Lautform  - Jesus) bedeutet „Möge Gott (Jahwe) helfen!“. Jeschua ist der Sohn Gottes und der Jungfrau Maria, „der reinblütigen Jüdin“ Miriam. In Israel würde er deswegen für einen Juden gehalten, und in der Sprache der Passabteilung der sowjetischen Miliz ist er Halbgott und Halbjude. Gott ist jedoch der Gott des jüdischen Alten Testaments, das in der christlichen Bibel enthalten ist. Zum möglichen Verdruss der Passabteilung war der Vater von Jeschua der jüdische Gott, und der „Nachname“ Christus ist die griechische Übersetzung des jüdischen Wortes „Maschiach“ – der König und Erretter der Juden, der im Alten Testament prophezeit ist, worauf die christlichen Führer selbst vom 4. Jahrhundert an bestanden.

Das heißt: In Nazareth, einer Kleinstadt in Galiläa, lebten die Juden, die daran glaubten, dass ihr Jeschua der Maschiach des Alten Testaments ist. Diese Juden kann man Maschiachaner nennen, was in Griechisch  „Christen“ bedeutet. Jeschua Maschiach wanderte ungefähr drei Jahre durch Judäa, indem er die Juden ins Maschiachtum bekehrte, das für ihn und sie der wahrhaftige jüdische Glaube war, der die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllte.

Natürlich begehrten die jüdischen Obersten letztendlich das Blut des Ketzers, der sich für den Maschiach des jüdischen Volks erklärte. Aber waren etwa die europäischen Kirchenführer 1300 Jahre später gegen  ihre Ketzer mit weitaus geringerem Anspruch weniger erbarmungslos? Und wer hätte denn, außer Römern und Juden, den Maschiach kreuzigen können, wenn er alle seine Predigten auf jüdischem Boden hielt, der römische Kolonie war, und wenn alle handelnden Personen, einschließlich der Mutter Jesu, Maschiachs, aller Maschiachaner, Pilatus und der Henker, entweder Juden oder Römer waren? Laut Neuem Testament wollte Pilatus, der römische Herrscher von Judäa, Christus nicht hinrichten lassen, indem „er sich die Hände wusch“. Obwohl die römischen Zeitgenossen Pilatus nicht sehr angenehm beschreiben, ist das möglich. Nach Ansicht der örtlichen Führer sollte Pilatus Judäa als römische Kolonie in Zucht und Ordnung halten und sich nicht in die

lokalen religiösen Streitigkeiten einmischen, demnach auch nicht Ketzer hinrichten lassen, die vom Judentum abfielen. Dennoch fällte der Römer Pilatus und kein anderer das Urteil, zumindest, um die guten Beziehungen zu den lokalen Führern zu erhalten.

Die Kreuzigung war eine römische Hinrichtungsart, und das Urteil wurde von römischen Soldaten vollstreckt. Übrigens fügten sie zur Hinrichtung in ihrer eigenen Unmenschlichkeit und nach eigenem Gutdünken weitere Grausamkeiten hinzu. Aber mir ist kein Bürger des Heiligen Römischen Reichs, Italiens oder eines anderen Landes  bekannt, der betrübt wäre, dass „unsere Soldaten“ Christus nicht nur kreuzigten, sondern der Hinrichtung noch so viel Unmenschlichkeit hinzufügten, wie sie im Rahmen ihres bescheidenen Soldatenrangs nur konnten.

Die Beschuldigung der Christen-Antisemiten in 16 Jahrhunderten – „Die Juden haben unseren Christus gekreuzigt“ -  ist unsinniger, als Aussagen wie „Die Griechen haben unseren Sokratus vergiftet“ oder „Die Italiener haben unseren Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen gebracht“ oder „Die Russen haben unseren Dostojewski zum Tode verurteilt und dann fünf Jahre im Zuchthaus gehalten“. Der Christ-Antisemit liebt das jüdische Alte Testament, die Apostel, die Juden sind, die jüdische Mutter Jesu, den jüdischen Gott und seinen Sohn Jesus, aber er hasst die Juden, als ob Maschiach und seine Jünger Griechen, Römer, Franzosen, Polen oder Russen gewesen, und die andersgläubigen Juden wer weiß woher zusammengelaufen wären, um „unseren“ Christus zu kreuzigen.

Kardinal John O’Connor, der katholische Erzbischof von New York, schreibt in der Zeitung „New York Guardian“, dass zehn von zwölf Jüngern Jesu gekreuzigt wurden. Aber da diese Apostel, die Juden waren, in die ganze Welt gingen, wird deutlich, dass die Obrigkeiten in anderen Ländern den Christen gegenüber nicht besser eingestellt waren, als die jüdischen Führer in Judäa. Der Heilige Petrus zum Beispiel wurde offensichtlich in Rom hingerichtet, wahrscheinlich gekreuzigt. Aber die Anklage „Die Römer haben unseren Heiligen Petrus gekreuzigt“ wird von den Christen-Antisemiten aus irgendeinem Grund nicht erhoben. Die Nationen, deren Vertreter die Apostel und Christen auf besonders qualvolle Art und Weise umbrachten, indem sie sie an wilde Tiere verfütterten, gelten als unschuldig, obwohl die Christen im Römischen Reich etwa drei Jahrhunderte lang verfolgt wurden. Lediglich die Juden, die dem Westen, Byzanz und Russland das Christentum gaben, sind in der Vorstellung des Christen-Antisemiten schuldig. Sie sind schuld daran, dass das Christentum ursprünglich ausschließlich ein jüdischer Glaube war, zu dem sich nur die Juden bekannten und der nur von Juden auf jüdischen Boden verbreitet wurde. Und derjenige, der diesen jüdischen Glauben nach Europa brachte und dafür in Rom gekreuzigt wurde, ebenfalls ein „vollblütiger Jude“ war.

Zu der Frage der Kreuzigung Jesu

Lev Navrosow

Quelle: „Iswestija“, 28.08.92

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