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Interview mit Richard Rubinstein,
dem Rabbiner der messianischen Synagoge „Beth Yeshua“, Sacramento, USA

Mein Name ist Richard Rubinstein. Meine Eltern wuchsen in Amerika auf, meine Mutter ist Nicht-Jüdin, mein Vater ist Jude.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Unterschied zwischen messianischen Juden und Juden-Christen? Sind sie zwei verschiedene Wege, oder ein Weg mit verschiedenen Namen?

Ich denke, sie sind sehr unterschiedlich. Sie haben sich irgendwann getrennt, obwohl beide zum Leib des Messias gehören. Wir als Gemeinde verstehen uns auch als Teil der jüdischen Gesellschaft Amerikas und haben deswegen eine besondere Position. Es bedeutet für uns, dass wir sowohl unseren Glauben als auch unsere Zugehörigkeit zum jüdischen Volk vertreten müssen. Eigentlich sehe ich uns als Anbieter sehr wichtiger Antworten im Leib des Messias besonders in Bezug auf das Verständnis des Gesetzes (der Torah). Ich denke, wir können den Christen helfen, das Alte Testament besser zu verstehen.

 

Was denken Sie über der Mitgliedschaft von Nicht-Juden in messianischen Gemeinden?

Wir haben in unseren Gemeinden immer Nicht-Juden gehabt, die die Wahrheit wirklich lieben. Und ich sehe sie als vollständige Partner. Alle Ältesten unserer Gemeinde sind Juden, was aber nicht bedeutet, dass die Beteiligung der Nicht-Juden in der Zukunft ausgeschlossen ist. Das Königreich Gottes ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Wenn der Messias wieder kommt, werden alle Völker ihn gemeinsam anbeten. Meiner Meinung nach stellt eine messianische Gemeinde einen Ort dar, wo dies schon jetzt stattfinden kann. Andererseits finde ich , dass es für Juden wichtig ist, als Juden erzogen zu werden. Und für jüdische Kinder ist es auch wichtig, als Juden aufzuwachsen. Das heißt: ein kollektives Gedächtnis soll an die nächste Generation übergeben werden. Ich glaube von ganzem Herzen, dass die messianische Gemeinde ein Ort sein soll, der den Juden einen weiten Raum zur Verfügung stellt, damit sie als Juden, aber auch als wiedergeborene Menschen aufwachsen können. Gläubige aus den Heiden brauchen ab und zu unsere Hilfe, um sich nicht als Bürger zweiter Klasse zu fühlen. Sie sollen aber auch die jüdischen Bräuche verstehen. 

 

Welche Art der Evangelisation benutzen Sie?

Wir üben verschiedene Aktivitäten aus: Straßeneinsätze, zum Beispiel. Ich bete und hoffe sehr, dass sich Juden in unserer Gemeinde bekehren, die nach der Wahrheit suchen. Ich bereite mich gerade auf eine Predigt über die Liebe vor, denn ich bin total davon überzeugt, dass es die einzige Möglichkeit ist, Menschen zum Messias zu bringen. Nur eine Gemeinde, die wirklich Liebe zum Ausdruck bringt, kann Menschen zum Glauben führen. Ich denke, Menschen müssen sich wohl fühlen und Liebe spüren. Nur dann werden wir die Möglichkeit und das Vorrecht haben, ihnen auf verschiedene Art und Weise über dem Messias erzählen zu können. Ich glaube, dass alle Wege der Evangelisation gut sind. Trotzdem denke ich, dass eine messianische Gemeinde Juden durch Gastfreundlichkeit und Liebe ansprechen muss, damit sie für die Gute Nachricht offen werden.

Haben Sie Probleme mit den orthodoxen Juden?

Ziemlich. Obwohl wir keine große Gemeinde sind, hatte ich schon heftige Diskussionen mit einigen Rabbinern.  Doch manchmal sind daraus gute Gespräche geworden.

Wenn wir in der Gemeinschaft mit Juden sind, achten wir sehr auf ihren Freiraum und auf die Art, wie wir miteinander umgehen. Wenn wir unter Juden sind, sind wir nicht in

einem fremden Revier,  aber wir haben Respekt vor ihrem Freiraum, so wie auch bei Nicht-Juden. Vor Kurzem hatten wir gute Kontakte mit der orthodoxen Gemeinde.Ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte von Sacramento kennen. Wir hatten hier fünf Synagogen aus verschiedenen Richtungen. Es war vor ungefähr 7 oder 8 Jahren. Das Resultat sämtlicher Auseinandersetzungen war dass die orthodoxe Gemeinde Geld für das Synagogengebäude brauchten. Wir haben beschlossen ihnen zu helfen.

So schenkten wir Geld an die orthodoxe Gemeinschaft zum Wiederaufbau ihrer Synagoge und unsere Beziehung zu ihnen wurde viel näher. Denn es geht nicht darum, wer wir sind; so wurden wir zu einigen Veranstaltungen eingeladen. Kurz nach dem Wiederaufbau der alten Synagoge waren meine Frau und ich bei der Segnung der neuen Torah-Rolle in ihrem neuen heiligen Ort; wir hatten dort eine wunderbare Zeit, gemeinsam mit diesen Menschen.

 

Was halten Sie von den orthodoxen Juden, die von uns behaupten, wir würden uns an die jüdische Tradition halten, um die Leute zu Jesus zu führen und aus Juden Christen zu machen?

Ich glaube, dass wir echt sein müssen in allem, was wir tun. Wir können nicht zu unserem Programm machen, einen besonders jüdischen Lebensstil anzunehmen, um einen Einfluss auf diese Juden auszuüben. Wir alle als Juden müssen uns verständigen können. Es ist Gottes Wille, dass wir als Juden leben. Aber ich denke, dass messianische Juden eine andere Antwort auf diese Frage haben. Manche werden eine eher gesetzorientierte Lebensweise führen. Da ich reformorientiert erzogen wurde, fällt es mir schwer, mich strikt danach zu richten. Für mich ist es nur eine Formsache. Daher hoffe ich, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, wie man unter den messianischen Juden als Jude lebt, wenn man schon innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ist. Ich denke also, wir müssen uns ehrlich mit Gott darüber auseinandersetzen, was für eine Lebensweise Er von uns als Juden erwartet, aber auch als an den Messias Gläubigen. Und wissen Sie, wenn wir nicht tief innerlich davon überzeugt sind, dass wir richtig handeln, dann sollten wir es lassen.

Es sollte keine andere Alternative oder Art und Weise geben, in dem, was wir tun, denn, egal was wir tun, es muss vom Herzen kommen, weil wir davon überzeugt sind. Wir müssen doch den Menschen direkt in die Augen sehen können, ehrlich und echt sein.

 

Was denken Sie über die Zukunft der messianischen Bewegung?

  Ich war besorgt, jetzt bin ich nicht mehr so besorgt wie vor 10 Jahren, als ich kaum jemand in dieser Bewegung sah. Es waren vor allem Leute meiner Generation, seitdem es in den 60er und 70er Jahren hier in Amerika eine große Bewegung Gottes unter den Juden gab. Viele kamen zum Glauben zu dieser Zeit. Es war wie eine Erweckung. Nun sehe ich mehr junge Leute kommen, wirklich engagierte junge Leute. Daher bin ich sehr ermutigt. Aber wir haben auch die selben Herausforderungen wie die jüdische Gemeinschaft, und zwar die Bewahrung des typisch Jüdischen, und das ist wirklich das Hauptproblem in einer jüdischen Gemeinschaft: die jüdische Erziehung!  Grundsätzlich haben wir, glaube ich, die selben Probleme.

Ich weiß, dass die Bewegung Gottes in den 90er Jahren in der Sowietunion wirklich von Gott kam, und ich bete auch, dass es weiter so bleibt. Ich sehe, dass es in Israel wächst, und weiß auch, dass es die

Bewegung Gottes besonders unter den russischen Juden ist, die Alija nach Israel machten. So bin ich ermutigt von dem, was ich auch in Israel sehe.

 

Können Sie von Ihrer Gemeinde erzählen und wie es anfing?

Meine Frau und ich waren 1988 bei einer Konferenz der messianischen Allianz. Und Gott machte es uns möglich, dabei zu sein: Wir bekamen ein Zimmer, wo wir übernachten konnten; und es war nah genug, dass wir hinfahren konnten. Es war, als würden wir nach Hause kommen; ich fühlte mich wirklich wie zu Hause. So fingen wir an, uns in diese Richtung zu bewegen, was für unsere Kinder schwieriger war. Sie wissen ja, wenn die Kinder in einer christlichen Kirche aufgewachsen sind, fällt es ihnen schwer mitzumachen. In einer chrislichen Gemeinde fühlten sie sich sicher.

Dann führte uns Gott aus bestimmten Gründen nach Californien. Wir vertrauten darauf, dass Gott für unsere geistlichen Bedürfnisse sorgen würde, und so besuchten wir viele Gemeinden, um den Ort zu finden, wo wir uns wohl fühlen würden. Und nachdem wir eine messianische Gemeinschaft erlebt hatten, fanden wir nichts. Zur selben Zeit gab es in der Gemeinschaft jüdische Gläubige, die auch dasselbe erlebt hatten. Es war uns klar: wir wollten so eine Gemeinde. So fingen wir als Gemeinde an.

Dann kam ich wirklich ins Geschäft mit Jeschua. Gott berief mich als Leiter der Gemeinde. Am Anfang war es eine Art Partnerschaft; wir zogen alle am selben Strang, damit es funktionierte, aber es wurde klar, dass ich aufsteigen würde. Da gab es einen neuen Weg, einen neuen Boden, ein neues Land für mich. Ich erinnere mich an die erste messianische Gemeinde, zu der wir hingingen, nachdem wir mit unserer Gemeinde angefangen hatten. Ich erinnere mich, dass ein Leiter nach dem anderen mir sagte, ich wäre dazu berufen. Wissen Sie: Wann man nicht dazu berufen wird, dann will man es nicht tun!... So verbrachte ich ein Jahr lang viel Zeit damit, wirklich herauszufinden, was die Berufung meines Lebens war, und so realist zu sein, um zusagen: Ja, ich mache das.  Damals war ich Lehrer, meine Frau war Lehrerin; wir waren ziemlich beschäftigt, so dass es schwierig war, alles gleichzeitig zu schaffen. So war der Anfang der Gemeinde, und es war gut so.  Wir haben wirklich gelernt, was es bedeutet, treu zu sein und zu bleiben; und was es bedeutet, Menschen zu leiten. Es ist nicht einfach, sich mit den Meinungen anderer Leute auseinanderzusetzen, mit ihren Problemen, mit ihren Krankheiten, mit allen den Problemen, die jeder hat. Und worüber Gott, glaube ich, am meisten zu mir redet, ist über die Gemeinschaft; darüber, was für eine heilige und geistliche Gemeinschaft es sein soll; darüber, wie wir mitten im Kampf uns gegenseitig wirklich auferbauen können, damit jeder durchkommt.

 

Wie alt ist Ihre Gemeinde?

Sie besteht seit 16 Jahren.

 

Und wieviel Menschen haben Sie dort?

Wissen Sie, es kommen viele Gäste. Ich will eine sehr offene und warmherzige Gemeinde, die jeden willkommen heißt, der hereinkommt. Gleichzeitig bete ich auch: Gott, schicke die Menschen weg, die Du hier nicht haben willst. Ich möchte ja nicht, dass die Gemeinde kaputt geht. So sind wir offen und gastfreundlich, aber haben Gott an die Tür gestellt, damit Er sich mit ihnen befasst. Wir haben möglicherweise ca. 100 Menschen, die regelmäßig zu den Gottesdiensten kommen. Wir zählen sie nicht; so weiß ich es nicht genau.

Vielen Dank!

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