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Interview mit Roy Schwarcz, Leiter der messianischen Gemeinde „Adat haTikva“, Evanston, USA

Sie sind Roy Schwarcz, Pastor, oder besser gesagt, Rabbi der messianischen Gemeinde “Adat haTikva” in Evanston. Bitte erzählen Sie doch von ihrem Hintergrund.

Meine Eltern sind jüdisch. Meine Mutter ist in Berlin aufgewachsen und musste, als sie elf Jahre alt war, wegen der Nazis flüchten. Sie kam nach Amerika und als Folge von dem, was Ihr passiert war, hatte sie keinen Respekt vor Christen. Mein Vater wuchs in New York auf. Sein Vater war aus Ungarn, und wuchs in Budapest auf. Ich wuchs religiös in einer orthodoxen Synagoge auf, obwohl meine Familie nicht orthodox war. Das war die Synagoge, die für die Vorbereitung meiner Bar Mitzwa die geringeren Kosten bedeutete. Ich habe Hebräisch gelernt, als ich dreizehn war, musste zu der hebräischen Schule gehen, hatte meine Bar Mitzwa und konnte dann entscheiden, ob ich weiterhin als Mitglied in der Synagoge bleiben wollte oder nicht. Ich habe mich natürlich entschlossen, nicht in der Synagoge zu bleiben, weil es mir dort langweilig war. So war ich nach meinen dreizehn Jahren so gut wie nicht religiös. Manchmal bin ich an den Festtagen zur Synagoge gegangen, aber sonst wirklich nie. Es war in New York, in Long Island. Da bin ich aufgewachsen und dann sind wir nach Queens umgezogen.

 

Sind Ihre Eltern gläubig?

Mein Vater hat mit mir gebetet, damit er den Heiligen Geist empfange, aber es hat keine Früchte gezeigt. Ich hoffe, dass er ein Gläubiger ist. Meine Mutter kämpft immer noch dagegen.

 

Wie sind Sie zum Glauben gekommen?

Im Sommer 1971 war ich auf einer Reise durch das Land. Ich hatte die Schule geschmissen und war dann auf Reise gegangen. Ich bin auf ein paar Menschen gestoßen, die Jesus liebten und mir von ihm erzählt haben. Sie haben mir erzählt, dass ich Ihn brauche, aber ich war dagegen. Nachdem sie alle meine Argumente abgewiesen hatten, erzählte ich Ihnen, ich sei jüdisch, und zu meinem Erstaunen haben sie mir gesagt, dass ihr Messias auch jüdisch sei, ihre Bibel auch, und wenn es uns Juden nicht gäbe, hätten sie nichts. Darüber hatte ich nie zuvor nachgedacht. Sie fingen an, mir aus der Bibel vorzulesen, und ich habe gemerkt, dass diese Menschen mehr über Abraham, Isaak und Jakob wussten als ich, und das hat mich aus der Fassung gebracht. Sie haben mich dann herausgefordert, Gott selber zu fragen, ob Jesus sein Sohn sei. Ich habe natürlich nicht geglaubt, dass ich eine Antwort bekommen würde, aber immerhin habe ich gebetet und Gott gefragt, und er fing an, bei an zu arbeiten. Ich habe den Film “Jesus Christ Superstar” gesehen. Er war für mich eine Offenbarung. Ich meinte, er war ein gewaltfreier Mensch, ein Symbol für Liebe und für Frieden … und er war jüdisch! Ich hatte immer gedacht, Jesus sei katholisch. Und bei dieser Offenbarung habe ich verstanden, dass ich Jesus auf Grund meiner Kindheit falsch beurteilt hatte. Vorher hatte ich immer gedacht, dass Christen Juden hassen würden. Je mehr ich über Jesus lernte, desto empfänglicher wurde ich. 

Dann habe ich das Buch “Paradise lost” von John Milton gelesen, das mir viele Informationen über Satan gegeben hat. Als ich wirklich realisierte, wer Satan war, merkte ich, warum diese Welt so wahnwitzig ist. Nach ungefähr drei Monaten verstand  ich, dass Gott und Jesus zusammen gehörten. Im Dezember 1971 habe ich mich bekehrt.

 

Wie alt wahren Sie als Sie sich bekehrt haben?

Ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt. 

 

Gehörten Sie zu den Hippies?

 

Ja, das war ich, aber nicht ganz, weil ich ein Auto besaß und einen Job hatte, und die meisten Hippies hatten damals keinen Job. Ich habe mich aber selber als ein Mitglied dieser Kultur gesehen.

Wie auch immer, als ich zum Glauben kam, habe ich versucht, die Gute Nachricht unter den Juden auszubreiten, denn die Bibel und Jesus sind sehr jüdisch. Letztendlich habe ich geheiratet und bin Geschäftsmann geworden. Ich habe die Schule geschmissen, weil ich ein Anwalt werden wollte, aber, als ich zum Glauben kam, wollte ich die Welt nicht mehr durch das Gesetz sondern durch Jesus verändern. Wenn ich nicht zur Arbeit ging, bin ich auf das Hochschulgelände gegangen und habe dort Traktate verteilt. Ich hatte einen Büchertisch, habe Diskussionen geführt und zuletzt fing ich an, Bibelstunden zu führen. Nach zwei Jahren habe ich einen Missionar getroffen, der mich gefragt hat, ob ich nicht auch Missionar werden wollte. Ich war sehr erstaunt, als ich herausfand, dass ich Geld für die Evangelisation unter Juden bekommen kann.

Ich habe mich bei Chosen People Ministries beworben und fing an, als Missionar zu arbeiten. Das war 1975. Zuerst habe ich intensive Bibelstunden geführt. 1977 bin ich zum Moody Bible Institut in Chicago gegangen. Ich war Mitglied der Gemeinde, deren Pastor ich jetzt bin. “Adat haTikva” ist eine der ältesten messianischen Gemeinden in den USA. Der Pastor ist gegangen, als ich noch in meinem ersten Jahr in Moody Bible Institut war. Der neue Pastor war ein Adventist, der nicht wirklich predigen konnte. Dann habe ich diese Gemeinde verlassen und eine neue Gemeinde in meinem Keller angefangen, die ich “ The Olive Tree Congregation” genannt habe. Nach zwei Jahren wurde diese Gemeinde selbstständig. Ich habe dann eine neue Gemeinde in Buffalow Grow angefangen, die “The Rock of Israel” heißt. Dort war ich ungefähr fünf Jahre Pastor, bis ich eine andere Gemeinde in Toronto, Kanada, anfing, deren Name jetzt “Beit Sar Shalom” ist. Auf Grund von Problemen habe ich Chosen People Ministries verlassen und mit anderen Messionswerken zu arbeiten angefangen. Mit der Zeit fing ich an, in der Moody Church zu predigen. Nach einem Jahr fing ich einen neuen Bibelkreis im Zentrum von Chicago an. Wir haben die Bibelstunden “The Light of Israel” genannt und uns jeden Freitag getroffen. Fünf Jahre später hat mich “Adad haTikva” eingeladen, dort als Pastor zu dienen. Natürlich habe ich zugesagt und drei Jahre später die Moody Church verlassen.

 

Sehen Sie einen Unterschied zwischen christlichen Kirchen und messianischen Gemeinden?

Natürlich. Ich denke, dass christliche Kirchen gesünder sind. Messianische Gemeinden konzentrieren sich mehr auf  ihre Traditionen als auf Jesus. Die Christen konzentrieren sich auf Jesus, wollen wie Jesus sein, wie Jesus handeln und denken. Deswegen glaube ich, dass man sich in christlichen Gemeinden besser auf Jesus konzentrieren kann.

 

Haben Sie ähnliche Probleme in Ihrer Gemeinde?

Als ich zuerst dorthin kam, ja. Es gab einige, die sich mehr auf die Tradition als auf Jesus konzentrierten. Es war ein großes Problem.

Und ist es jetzt besser geworden?

Auf jeden Fall! Einer der Gründe ist, dass wir angefangen haben, einigen Leuten Verantwortung zu 

Und ist es jetzt besser geworden?

Auf jeden Fall! Einer der Gründe ist, dass wir angefangen haben, einigen

Leuten Verantwortung zu übertragen. Wir versuchen uns mehr auf Jesus zu konzentrieren. Wir haben auch ein paar Leute, die nicht auf den Ältestenrat hören wollen, herausgefordert.

 

Was denken Sie über das Gesetz des Moses?

Ich denke, dass das Gesetz sehr wichtig ist. Gottes Gesetz ist perfekt und er ehrt es, aber ich glaube nicht, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren sollen. Unsere Aufmerksamkeit sollte Jesus gehören. Wir müssen das Gesetz kennen, um die Torah zu verstehen. Ich verstehe das Gesetz als Lehre und Anordnung. Ich denke, das Neue Testament ist Gottes Gesetz genau so wie die Thora. Torah heißt Anordnung. Als Paulus sagte, dass die Heilige Schrift nützlich ist für Korrektur, Zurechtweisung und Training zur Rechtschaffenheit, meinte er nicht das Neue sondern das Alte Testament. Wir müssen das Gesetz in dem Licht des Neuen Testaments interpretieren.

 

Was denken Sie über Situation der amerikanischen Juden? Glauben Sie, dass sie für Gottes Wort offen sind?

Ich glaube nicht, dass sie offen sind, vor allem die religiösen Juden. Ihr System und ihr Verhältnis zu Gott basieren auf Tradition. Profane Juden wie ich selber, die nicht religiös sind, würden alles machen, um das Christentum zu meiden. Wenn Krisen kommen, schauen sie auf Gott; daher sind diese Juden viel offener. Viele Juden in Amerika heiraten Christen oder Juden aus einem anderen Hintergrund. Diese Juden sind auch nicht schwer zu evangelisieren. Messianische Gemeinden sind in diesem Fall sehr hilfreich.

 

Wie viele Leute sind in Ihrer Gemeinde?

Um die 100.

 

Sind da mehr Juden oder Nicht-Juden?

Halb und halb. Ich glaube aber mehr Nicht-Juden.

 

Was ist für Sie der beste Weg, um nicht gläubige Juden zu erreichen?

Der beste Weg, den ich kenne, ist die Zusammenarbeit mit Christen. Jeden Donnerstag führe ich eine Bibelstunde im Zentrum von Chicago. Die meisten Teilnehmer sind Mitglieder von jüdischen Unternehmen. Sie lernen den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament, deswegen laden sie auch viele andere Juden ein. Wenn ich in Kirchen predige, treffe ich immer wieder Geschwister, die für das jüdische Volk beten. Die besten Kontakte habe ich also durch Christen.

 

Wie ist die Beziehung Ihrer Gemeinde zu Israel?

Wir sind für Israel, beten für Israel, haben vier Missionare in Israel, die wir unterstützen und ein paar hier in Amerika. Wir ermutigen Mitglieder meiner Gemeinde, Alija nach Israel zu machen und senden sie zu Gemeinden in Israel. Wir wissen, dass Gott sein Volk ins verheißene Land zurückruft. Wir machen beim “Walk for Israel” mit, um Geld für den Vereinigte Jüdische Fond zu sammeln. Einige unserer Mitglieder sind gleichzeitig Mitglieder des Jüdischen Gemeinschaftszentrums.

 

Was denken Sie über die Zukunft der messianischen Bewegung?

Ich denke, wir haben eine wundervolle Zukunft. Wenn wir uns auf Jesus konzentrieren, werden wir ein Licht für die Welt sein. Gott hat uns berufen, das Licht der Welt zu sein. Wir sind ein Licht, indem wir inKirchen predigen, andere evangelisieren, etc. Ich denke, dass die messianische Bewegung den Christen eine wertvolle Möglichkeit bietet, ihre jüdischen Wurzeln zu verstehen.

Vielen Dank!

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