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Mein Heimatland

 

Elena Mai

Einmal bei einem Treffen zum 20. Jahrestag der Alijah aus Russland sagte ein Journalist, dass sich für viele Einwanderer die Übersiedlung nach Israel als Tragödie herausgestellt habe. Sie sind nicht in das Land gekommen, von dem sie geträumt haben. Für mich war dieses Thema auch wichtig. Zum Negativen oder zum Positiven, das müssen Sie selbst entscheiden…

Diesen Bericht habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben. Da habe ich noch meinen Platz unter der Sonne in Israel gesucht, und Israel ist eine besondere Herausforderung für mich geworden. Für mich war es sehr schwer, mich an das neue Leben zu gewöhnen. Einmal träumte ich, wie ich für mich ein Stück Heimaterde in Israel suchte; ich ging lange über die menschenleeren Felder und konnte nichts finden. Dann, schon ganz von Kräften, fiel ich völlig verzweifelt auf die Erde, und plötzlich fühlte ich, dass ich ja auf ihr liege, auf meiner Heimaterde.

In Israel herrscht die Sonne ein halbes Jahr lang. Als ob sie die Natur und den Menschen auf die Probe stellt, brennt sie mit ganzer Kraft. Zur Sonne kommt oft noch ein trockener Wind aus der Wüste, die Israelis nennen ihn „Chamsin“. Dann scheint es manchmal, wenn zwischen dieser Bruthitze mal ein schöner Tag mit einem angenehmen Wind kommt, als ob du im Paradies angekommen wärst. Das Meer, der Himmel – alles bekommt märchenhafte Farben oder, besser gesagt, Farbnuancen, für die es „in dieser Welt nichts Vergleichbares gibt“. Die Berge verhüllen sich in leichtem Dunst. Ein solches Land möchte man anschauen, über ein solches Land möchte man gehen. Diese Schönheit ist nicht sofort sichtbar, sie offenbart sich auch nicht dem oberflächlichen Blick des Touristen. Nur die lange und intensive Naturbeobachtung mit allen Kontrasten hilft, die sonst nicht offenbaren Reichtümer des Verheißenen Landes wahrzunehmen. Das geistliche Leben ist hier auch voller Kontraste: einerseits Kampf und Druck in äußerster Konzentration, andererseits ungeahnte Freude und Segnungen. Doch wie könnte man denn das Gefühl von Sieg erfahren, wenn man nicht kämpft?

Ich würde den Weg eines Menschen in Israel mit der Reise aus der heißen judäischen Wüste zu den kühlen Wäldern auf den Golan-Höhen vergleichen. Jemand, der nach Israel kommt, bekommt nicht sofort „Milch und Honig“ zu schmecken. Schwierigkeiten und Sorgen halten ihn davon ab, das zu sehen, was andere sehen. Und er schaut manchmal mit Schmerz auf diese für ihn gänzlich ungewohnte Umgebung. Das Tropenklima macht ihn wahnsinnig. Die Sonne brennt ihm auf den Schädel. Er droht mit den Fäusten zum Himmel und schreit in die Sonnenglut: „Wo ist denn nun das Verheißene Land, das von Milch und Honig fließt?“ Nur manchmal reißt er sich von seiner Arbeit und seinen Gedanken los und schaut mit Unverständnis auf die lässig an ihm vorbei spazierenden Leute. Dann lässt er seinen Kopf wieder sinken, vergräbt sich in seine Sorgen und sieht nur kahle Felsen und Sand. Die Zeit vergeht nur sehr langsam. Der Tag wird immer länger und heißer, die Gedanken immer niederdrückender. Jahrelang ändert sich nichts. Er steht auf, schaut auf die Sonne, die sich über seine Geduld auch noch lustig macht, gibt den verhassten Steinen einen Fußtritt (wie viel er auch geschuftet hat, nichts wuchs auf den Steinen!), und dann geht er weiter… wohin ihn seine Augen führen. Wie denn, er soll dorthin zurückkehren, woher er gekommen ist? Dafür ist er zu weit von dort fortgegangen und kennt den Rückweg auch nicht mehr.

So geht er durch die Judäische Wüste. Er sieht das Tote Meer. Eine Sekunde lang blinzelt er von dem blendenden Glanz, der auf der salzigen Wasseroberfläche spielt. „Ein schönes Meer, doch es ist ja tot, es gibt darin kein Leben, genauso wie in dieser Wüste. Obwohl, wenn man genauer hinschaut, die Sandebene doch sehr schön aussieht, besonders diese altertümlichen Kreideberge, die an Riesen erinnern. Ihre Farben verändern sich wie beim Chamäleon. Die Wüste spricht über irgendwas… aber ich habe keine Zeit hinzuhören“.

Es begegnen ihm auf seinem Weg auch die Touristen, die immer über irgendwas begeistert sind. „Was für naive Leute! Sie gehen in den aufgeblühten Oasen in der Wüste spazieren, sie pflücken Feigen und Oliven. Sie denken, dass dies alles so ganz von selbst gewachsen sei. Sie wissen gar nicht, wie viel Schweiß hier vergossen worden ist, auch von Leuten wie mir!“ Er kommt zum Jordan. „Soll das etwa ein Fluss sein? Das ist so ein kleines Rinnsal, da ist nichts Besonderes dran! Nicht so wie die Wolga oder der Dnjepr“. Mit einem Lächeln schaut er auf die Leute, die extra dafür hierher gekommen sind, um sich in diesen Wassern taufen zu lassen, in welchen einstmals Jochanan Jeschua untertauchte. „Die denken wohl, dass das Zauberwasser sei. Ich weiß doch, dass der Jordan ins Tote Meer mündet.“ Er geht weiter durch die israelische Savanne, zeitweise kämpft er sich durch Walddickicht. „Das ist doch kein Wald, das ist doch nur irgendwelches Gestrüpp!“ Er hört nicht, wie die Vögel singen, er fühlt nicht, wie das Gras duftet. Er hat nur einen einzigen Wunsch, schnell von hier fortzulaufen! Auf dem ganzen Weg verfolgt ihn die Sonne und zieht sich die Bergkette hin, als wenn sie versuchte, das Ziel seiner Reise vor ihm zu verbergen. Er denkt nach, seine Schritte werden langsamer. Die Ebene am Ufer. Seine Gedanken werden unterbrochen, als er sieht, wie die Sonne als riesiger Feuerball hinter dem Horizont untergeht. Da verschmilzt der Himmel mit dem Meer. Seine Augen betrachten diese unerklärliche Schönheit, und für einen Moment vergisst er alles. Weiter liegt auf seinem Weg der Kinneret-See – der See von Tiberias. Von oben sieht er aus wie eine große himmlische Tasse. Das ist so schön! Doch im Sommer ist es in dieser Ebene unwahrscheinlich schwül. In den alten Zeiten war das wahrscheinlich alles anders. Sonst kann ich mir nicht vorstellen, wie hier die Helden der Bibel gelebt und Geschichte gemacht haben…

Die Golan-Höhen. „Hier oben darf man nicht allein spazieren gehen. Nur mit einer Exkursion und mit einer guten Bewachung. Man könnte sogar auf Minenfelder geraten. Nein, so viel Schönheit, aber ohne Bewegungsfreiheit, brauche ich nicht! Ich gehe fort, mir reicht´s! Dann verbringe ich den Rest meiner Tage lieber in meinem Heimatland… Dort kann ich mehr Nutzen bringen. Ich mag die hiesige Pflanzenwelt nicht. Und zu guter Letzt, wie viele von Deinen Söhnen sind noch dort geblieben, in fernen Landen. Gar nicht schlimm, ihnen geht es dort gut… Also, verstehst Du, für mich ist hier alles fremd. Ich habe einfach kein Verständnis für die Schönheit eines an der Sonne aufgeheizten Steins“.

Der Osten. Schwüle Hitze. Der steinige Boden unter den Füßen und der heiße Staub in der Luft wollen ihn anhalten. Doch er wird noch wütender: „Wozu bin ich hier, ich, ein Mensch aus dem Norden! Welcher Wind hat mich hierher geweht?“ … „Ich weiß noch den Weg nach Hause! Los geht´s!“ Dahin, wo es kühler ist, wo man eine weitere Sicht hat, wo es vertrauter ist, dorthin, wo er wieder so sein kann wie früher. Man kann doch noch alles ändern, das Vergangene zurückholen! Er hört schon wieder die heimatlichen Melodien, er sieht schon das geliebte Land. In Gedanken versunken, gerät unser Pilger in die nördliche Steppe direkt an der Grenze zum Libanon. Alles schweigt. Allein der Wind beugt das Gras zur Erde und hindert ihn vorwärts zu gehen. Es ist ungemütlich. Die wilde und unbekannte Landschaft macht ihm Angst. Die Sonne ist hinter dem Horizont verschwunden und ringsum keine Menschenseele.

Unser Freund berührt sein raues, sonnenverbranntes Gesicht und gesteht sich ein, dass er nie mehr so werden kann wie früher. Die Sonne hat ihm schon ihren Stempel aufgedrückt! Und auch wenn er von hier wegginge, wird er doch keine Ruhe finden. „Was soll ich denn nun machen, was denn?“ Er fällt auf diese nicht heimatliche Erde und heult. Unser Pilger fühlt, wie diese Erde seine Tränen und seine Leiden aufnimmt. Die Erde flüstert ihm zu, wie lange sie auf ihn gewartet hat.

Irgendwo taucht der Schatten Jaakovs auf, wie er mit Gott kämpft an der Grenze zum Verheißenen Land. Was wollte er bekommen, als er nach langen Wanderungen in seine Heimat zurückkehrte? „Doch wohl dasselbe, was ich auch suche!?“ Unser Pilger vernimmt die unsicheren Schritte Ruths, welche über den steinigen Boden ins Ungewisse vorangeht. „Was fühlte sie? Doch wohl dasselbe wie auch ich!?“ Er sieht eine einsame Gestalt am Horizont, die unsicher auf das vor ihm liegende unbekannte Land schaut, und hört eine feste laute Stimme, von welcher die Berge erzittern und die Bäume ihre Kronen emporheben: „Avraham, dir und deinen Nachkommen gebe ich dieses Land!“

Endlich wird es kühler. Die Natur lebt auf. Das Gras duftet aromatisch. Wind kommt auf! Aber nicht der Wind, der ihn so lange verfolgt hat, nicht der Wüstenwind! Er versteht jetzt, dass er sich in seinem Land befindet; in dem Land, das er sein Leben lang gesucht hat. Er ist bereit, die Steine zu bearbeiten, bis auf ihnen Blumen wachsen. Jetzt weiß unser Pilger, wohin ihn sein Weg führt – zurück, der Sonne entgegen! Er wird jetzt bis ans Ziel gelangen. Er hat keine Angst mehr: schon tausendmal hat ein starker Sonnenbrand seine Haut gerötet. Ein vertrautes warmes Gefühl erfüllt sein ganzes Wesen. Jemand streckt ihm seine sonnenverbrannten Hände entgegen! Er blickt empor und sieht IHN…

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