Die Integration der russisch sprechenden messianischen Juden in den israelischen Gemeinden

 

Maxim Katz

Definition von Integration

Bevor wir von „geistlicher Integration“ sprechen, müssen wir zuerst den Begriff „Integration“ bestimmen. Ich denke, dass es im Allgemeinen zwei Ansätze zum Verständnis des Begriffs gibt. Je nach Ansatz werden wir ein anderes Verständnis der geistlichen Integration von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion haben.

Beim ersten Ansatz setzt man die Assimilation der Einwanderer voraus. Es ist der Prozess, an dessen Ende die Einwanderer wie gebürtige Israelis werden. Innerhalb der jüdischen Gemeinde führen mindestens vier unterschiedliche Wege zur Integration. Sie beruhen auf den einflussreichsten Gruppen in Israel. Die erste Gruppe ist historisch gesehen die wichtigste: es ist die Gemeinde der Aschkenasischen Juden, die sich vor Jahrzehnten in Israel etablierte. Die zweite Gruppe sind säkulare Juden aus osteuropäischen Ländern. Sie sind aber die aktivsten und aggressivsten bei der Beeinflussung des geistlichen und politischen Lebens in Israel. Die dritte Gruppe sind diejenigen, die ich als „national religiösen“ Bereich bezeichne. Es sind diejenigen, die jüdische Traditionen in ihrer Lebensweise umsetzen. Am Anfang der Alija der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion  war diese Gruppe sehr aktiv bei der Beeinflussung der israelischen Gemeinde durch ihre geistlichen Bräuche und Integration. Die vierte Gruppe ist die komplizierteste, da sie als „Ultraorthodoxe“ in weiteren kleineren Gruppierungen unterteilt ist mit oft unterschiedlichen Ansichten und  Differenzen im geistlichen Bereich.

 

Der zweite Ansatz bei der Definition von Integration ist einerseits ein dynamischer Prozess. Hier werden die Einwanderer irgendwie zu Mitgliedern einer bestehenden Gemeinde; andererseits beeinflussen sie die Gemeinde, in die sie kommen, indem sie eine neue Struktur und Lebensweise schaffen. Aus dieser Sicht übt möglicherweise die russisch sprechende Gemeinde einen gewaltigen Einfluss auf alle Bereiche der israelischen Gesellschaft aus.

Eigene kulturelle Aspekte der russisch sprechenden Einwanderer

Um die Integration der russisch sprechenden Juden in den israelischen Gemeinden zu verstehen, müssen wir untersuchen, was für eine Art geistliches und kulturelles „Gepäck“ diese Menschen aus den ehemaligen Staaten der UdSSR mitgebracht haben. Diese Juden kamen aus sehr unterschiedlichen Hintergründen, so dass wir sie in drei Kategorien unterteilen.

 

Die ersten sind die Kinder von Juden, die im 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts geboren sind. Meistens haben sie durch ihre Großeltern den kulturellen Einfluss einer vor-sowjetischen jüdischen Tradition erlebt. Die meisten erhielten eine jüdische Erziehung, auch wenn ihre kulturellen Hintergründe unterschiedlich waren. Sie stammen aus verschiedenen jüdischen Städten und Dörfern. Manche lebten in Gebieten, die nach dem 2. Weltkrieg Bestandteile der Sowjetunion wurden, z.B. in der Westukraine, in Litauen, Lettland usw. Leider starben die meisten von diesen Juden während des Krieges. Diejenigen, die es schafften, den Holocaust zu überleben, zogen weg oder wurden in ferne Gebiete Russlands verbannt. Solche Familien – so wie meine eigene – haben eine andere jüdische Mentalität als die meisten sowjetischen Juden.

 

Die zweite Gruppe trifft man viel häufiger und sie besteht aus jüdischen Kindern, die in den 20er Jahren und später geboren wurden. Die meisten zogen in Städte um, so dass die meisten Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion Stadtbewohner waren. Manche wurden jüdisch erzogen, obwohl dieses Merkmal in dieser Gruppe abnahm.

Die dritte Gruppe sind Juden aus Mittelasien und dem Kaukasus (Sephardische, keine Aschkenasischen Juden). Diese Juden waren traditionsbewusst und hielten ihre religiösen Rituale. Man muss wissen, dass, auch wenn sie eine traditionell jüdische Lebensweise beibehielten und sich als eigene Gemeinde identifizierten, sie aber auch zu den Gemeinden gehörten, in welchen sie lebten (z.B. zu den Tadschiken oder Usbeken in Asien, zu Georgien im Kaukasus).

Insgesamt können wir den Schluss ziehen, dass die jüdische Gemeinschaft in der früheren Sowjetunion nur eins gemeinsam hatte, und zwar die russische Sprache. Die war allen gemeinsam, auch wenn die Gemeinschaften aufgeteilt waren. Dies alles hat möglicherweise einen Einfluss auf die Integration der russisch sprechenden Juden in die israelischen Gemeinden.

Aktuelle „russische“ Gemeinschaften in Israel

Auswanderer aus der ehemaligen Sowjetunion bilden jetzt die größte ethnisch multikulturelle Gemeinde in Israel. Die jüdische Einwanderungswelle der 90er Jahre war diesbezüglich von grundlegender Bedeutung. Ungefähr 1.500.000 Menschen gehören dieser Gruppe an. Sie waren die treibende Kraft, die die traditionellen jüdischen Gemeinden zu einer größeren multikulturellen Prägung führte. Diese Gruppe stellt eine komplexe und vielseitige soziale Herausforderung in Bezug auf Aufnahme und Integration dar.

Wie ich es vorher sagte, sind die Einwanderer aus den ehemaligen Staaten der UdSSR in Bezug auf Kultur, Volkszugehörigkeit und Glaube unterschiedlich. Man kann sehen, wie viele Faktoren sich auf die Integration der „russischen“ Juden auswirken. Darunter ist die Wahl der Einwanderer zum Wohnort. Andere sind Erziehung, Beschäftigung, Wehrdienst usw. Man muss beachten, dass der wichtigste und einflussreichste Integrationsfaktor die Fähigkeit ist, Hebräisch und sogar Englisch zu verstehen und zu sprechen. Dennoch  sind diese Juden der russischen Sprache ganz verbunden. Meistens wird russisch in der Familie gesprochen und im Alltag im Gespräch miteinander. Der Erhalt der russischen Sprache scheint einen hohen Wert zu haben.

Heutzutage spielt die russisch sprechende Gemeinde in Israel eine sehr wichtige Rolle im israelischen Alltag. Es gibt Kinos, Verlagshäuser, Radio- und Fernsehsender in russischer Sprache. Es gibt sogar führende Politiker, die russisch sprechen, wie z.B. der Außenminister Avigdor Libermann, der Minister für Tourismus Stas Misezhnikov und viele andere einflussreiche Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit.

In Bezug auf den inneren Zustand der israelischen Gemeinde muss man die zweite und dritte Generation dieser Einwanderer betrachten. Da die zweite Generation nicht in Israel geboren ist, sondern als Kinder oder Teenager ins Land kam, könnte man diese Gruppe als eine Art „Mittelding“ bezeichnen. Daher befindet sich diese zweite Einwanderergeneration irgendwo zwischen der russischen und hebräischen Kultur. Sie haben wenig Kenntnisse von beiden Kulturen und lehnen es ab, sich einer der beiden Kulturen anzupassen. Ich denke, dass die dritte Generation – diejenigen, die hier geboren wurden – andere kulturelle Werte, eine andere Lebensweise und Mentalität, und bestimmt bessere Kenntnisse im Hebräischen haben wird.

Messianische Juden: Integration und Perspektiven

Es gibt keine genauen Angaben zu den Zahlen der messianischen Juden in Israel, aber sie werden auf ca. 15.000-20.000 geschätzt, wovon 60% russisch sprechende Juden sind. Heute entscheiden sich immer mehr Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion ausgewandert sind, für Jeschua. Am Anfang des letzten Jahrhunderts, als die messianische Bewegung ganz am Anfang war, wurden viele Juden zu regelrechten Christen und wurden „Nachfolger des Kreuzes“ genannt. (Nach dem heutigen Stand gibt es ca. 2000 Judenchristen in Israel, und davon gibt es nur 400 in Jerusalem). Damals erhielten Juden bestimmte Rechte, wenn sie zum Christentum konvertierten: das Recht, außerhalb vorgeschriebener Gebiete zu leben, zu studieren oder bei der Armee zu dienen, usw. Bei der Gründung einer israelischen Regierung haben sich die Gründe, Jeschua anzunehmen und ihm nachzufolgen, stark verändert. Wenn man heute zu einem messsianischen Juden wird, bekommt man keine Sonderrechte. Vielmehr verliert ein Jude bei der Annahme Jeschuas sein wichtigstes Vorrecht, und zwar sein „Recht auf Rückkehr“ oder mit anderen Worten, „Alija“ zu machen. Jedoch wird heute diese Entscheidung, Jeschua anzunehmen, sehr überlegt getroffen. Es gibt heute in Israel viele unterschiedliche Gemeinden von Gläubigen an Jeschua (abgesehen von den Orthodoxen und Katholiken). Manche sind bekannt und aktiv, andere weniger bekannt und aktiv, und doch haben alle eins gemeinsam: sie bezeichnen sich als „messianische Juden“. In allen vorherigen Ländern gab ein Jude, wenn er sich für Jeschua entschied, alle Beziehungen zu der bisherigen judäischen Religion seiner Vorfahren oder seines Volkes auf. Er wechselte also seine Religion. In Israel aber sehen wir ein anderes Vorgehen. Die Juden, die – besonders in Israel – Jeschua annehmen, müssen nicht ihr hebräisches Erbe aufgeben; im Gegenteil, sie bringen es zum Ausdruck. Ein israelischer Lehrer, Aleksand Zanemonecz, sagte in einem seiner Seminare, dass die „Mikweh“ (Taufe) die Juden zu einer tieferen Geistlichkeit führen würde, und dass sie sich ihres jüdischen Erbes bewusster würden. Dies würde auch ihr Interesse für Geschichte und für ihren jüdischen Hintergrund wecken. Es würde ihnen weiterhin helfen, der israelischen Regierung näher zu stehen (Zanemonecz, 2004).

Es gibt zwei Schritte zur Integration der russisch sprechenden messianischen Juden heute in Israel.

Der erste Schritt zur Integration ist die lokale Gemeinde. Die meisten russisch sprechenden Juden ziehen es vor, ihre eigenen Gemeinden zu gründen, in welcher alles auf russisch läuft. Diese Versammlungen sind denen der Evangelikalen sehr ähnlich. Mitglieder solcher Gemeinden fällt es schwer, sich in die israelische Gemeinde zu integrieren. Das Hauptmerkmal solcher Gemeinden ist das Alter der Mitglieder. Die meisten sind ältere Bürger und  Erwachsene mittleren Alters, die kaum hebräisch sprechen und die die israelischen Traditionen nicht kennen. Es gibt auch gemischte Gemeinden, in welchen man neben den russisch sprechenden Mitgliedern Juden aus anderen Ländern und sogar Israelis findet. Für solche Gemeindemitglieder ist es viel einfacher, sich in die israelische Gemeinde zu integrieren. Sie sprechen besser hebräisch, sind für den multikulturellen Dialog offen und sind sogar bereit, die jüdischen Traditionen kennenzulernen und einzuhalten. Diese Art Gemeinden haben mehr jüngere Mitglieder.

 

Der zweite Schritt ist die soziale Integration in die israelische Gemeinde. Es ist die Regel, dass die erste Generation von Einwanderern sich der „russischen“ Gemeinde zugehörig fühlt. Ihre Nachkommen, die Einwanderer der zweiten Generation, identifizieren sich schon mehr mit den gebürtigen Israelis. Daher entstehen auch mehr Konflikte zwischen Eltern und Kindern. Die zweite Generation von Einwanderern, die in der israelischen Gemeinde lebt, identifiziert sich selbst mehr mit der israelischen Kultur, während die Kultur ihrer russisch sprechenden Eltern ihr meistens fremd ist und von ihr missverstanden wird. Diese Generation wird durch den Dienst in der Armee verändert, bekommt eine israelische schulische Ausbildung und wird in der israelischen Gemeinde sozialisiert. Die messianische Jugend von heute identifiziert sich viel mehr mit gebürtigen Israelis. Viele werden nach dem halachischen Recht nicht als Juden anerkannt, doch entscheiden sie sich, das „Gejur“-Verfahren zu durchlaufen, um zum Judaismus zu konvertieren. Alle diese Faktoren führen dazu, dass russisch sprechende Juden eine Nische in der israelischen Gemeinde gefunden haben und dass ihre Integration die zukünftigen messianischen Gemeinden verändern wird.

Haben die russisch sprechenden Juden irgendwelche Perspektiven in Israel? Werden sie in der Lage sein, ihre Werte zu behalten und sie an die nächste Generation weiterzugeben, oder werden ihre Nachkommen so oder so eine Entscheidung über ihren eigenen Weg treffen? Die Antwort auf diese Frage hängt von ein paar Faktoren ab. Vor allem wird es von der Art und Weise abhängen, wie die israelische Regierung und das Volk – besonders die russisch sprechende Gemeinde – mit den messianischen Juden umgehen wird. Zweitens wird es von großer Bedeutung sein, welche Einstellung und gesellschaftliche Rolle die messianischen Leiter einnehmen werden.

Gesellschaftsrelevante Statistiken bezeugen, dass russisch sprechende Juden toleranter zu den messianischen Juden sind als gebürtige Israelis oder amerikanische Juden. Nach den Untersuchungen von CZ. Hetelman, V. Chervyakova und V. Shappiro ist nur einer von fünf russisch sprechenden Juden gegenüber messianischen Juden feindlich eingestellt, und nur einer von dreien empfindet ihre Entscheidung als falsch. Trotzdem ist es schwer zu sagen, wie die messianischen Juden in der Zukunft angesehen werden, da überall die Wahrnehmung der messianischen Juden durch die Regierung und die Wahrnehmung der lokalen israelischen Gemeinden gegenüber der Christen immer negativer wird.

Nach der Meinung von messianischen Leitern betrachten sich immer mehr russisch sprechende Juden als Mitglied der jüdischen Gemeinde. Sie leben, arbeiten, studieren mit Israelis, dienen bei der Armee und unterstützen oft die „korrekte“ politische Meinung. Heute halten die meisten russisch sprechenden messianischen Gemeinden ihre Gottesdienste sowohl auf russisch wie auch in hebräisch, weil es dazu beiträgt, das Interesse der Heranwachsenden zu gewinnen. Daher werden bald die meisten Gemeinden dazu übergehen, nur Hebräisch zu reden, was eine größere Integration der messianischen Juden in den jüdischen Gemeinden ermöglichen wird.

Das Ergebnis der Bemühungen der russisch sprechenden messianischen Juden ist nicht zu übersehen, da viele bereits dadurch beeinflusst wurden. Russisch sprechende Juden haben einen großen Einfluss auf die Gemeinde, da sie sich auch anpassen und ändern. Alle hebräisch sprechenden Gemeinden haben zum Beispiel eine Leitung, die russisch spricht. Daher glaube ich, dass es zu einer erfolgreichen Integration der russisch sprechenden messianischen Juden in die israelischen messianischen Gemeinden kommen wird. Dies wird insgesamt zu sehr nützlichen Impulsen für beide Gemeinden in ihrem Wachstum und Vormarsch führen.