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Wolfgang Kern

Jude, Christ, Deutscher: Wer bin ich?

Mein Name ist Wolfgang Kern, und in meinen Adern fließt jüdisches Blut – zumindest  biologisch, d.h. bezogen auf DNA und Erbanlagen. Zwar bin ich kein Jude nach dem modernen „Recht auf Rückkehr“ Gesetz des Staates Israel, wonach die Mutter jüdisch zu sein hat, um dieses Recht auf Einwanderung zu haben, wohl aber nach biblischen Prinzipien, die sich auf die väterliche Genealogie beziehen. Beispiele für diese biblischen Prinzipien sind König David, Sha-ul (Paulus) und Jeschua (Jesus). An diesen möchte ich mich orientieren. Würde man die aktuellen „Recht auf Rückkehr“ Kriterien zugrunde legen, dann wären vier von den zwölf Stammvätern Israels, die Söhne der nicht-jüdischen Mägde Bilha und Silpa  (Gad, Asser, Dan und Naftali), diese Einwanderung nach Israel heute unmöglich. Bei mir ist der jüdische Stammbaum seit fast drei Jahrhunderten klar dokumentiert, inklusive, dass wir vom Stamm Levi sind, insgesamt neun Generationen sind registriert. Mein Großvater musste 1943 unter den Nazis als „Rassejude“ sein Leben lassen, mein Vater konnte als zwanzigjähriger Vollwaise und Einzelkind knapp überleben.

 

Als Christ kann ich mich nicht deshalb bezeichnen, weil ich formell katholisch erzogen wurde und bestimmte Riten über mich ergehen ließ, sondern weil ich mich 1971, mit 25 Jahren, als von Gott getrennter Sünder erkannt habe und das Gnadengeschenk des Messias (griech. = Christos) Israels, die Erlösung, für mich ganz persönlich in Anspruch genommen habe. Seit dieser Zeit bin ich nicht nur biologisch, sondern auch geistlich ein Nachkomme Abrahams. Die vergangenen Perioden waren voller Erlebnisse mit Gott, voller Veränderungen, voller Höhen und Tiefen. Perioden haben einen Anfang und ein Ende, und man muss erkennen, wenn eine zu Ende geht.   (Prediger 3:1 Für alles gibt es eine <bestimmte> Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel <gibt es> eine Zeit.)  Gerade jetzt beginnt für mich eine neue Periode. Mehr dazu später. Aber das Ziel ist klar, der Weg ebenso. Ich freue mich auf das, was noch vor mir liegt und vertraue dabei auf meinen liebgewonnenen Herrn und Heiland, Jeschua HaMaschiach. Ihm kann man vertrauen. Ich erlebe dies und Ihn seit 35 Jahren. Er ist einzigartig und ein wunderbarer Freund!

 

Deutscher Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten bin ich, weil mein Vater deutscher Staatsbürger ist, so sagt es das Gesetz. Das erkenne ich auch an, und ich persönlich habe nicht darunter gelitten – im Gegenteil.

 

Das alles klingt sehr abstrakt. Deshalb gehe ich jetzt ein bisschen tiefer auf die Frage ein:

 

Wer bin ich ?

 

Mein Vater konnte als „Nicht-Arier“ erst nach dem Ende des 2.Weltkriegs heiraten (Mai 1945), und ich kam im März 1946 zur Welt. Nach dem mehr oder weniger üblichen Lebenslauf (Volksschule, Gymnasium, Bundeswehr) wanderte ich alleine 1967 mit meinem Pappkoffer in die USA (Bundesstaat New York) aus. Ohne Verwandte dort, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, konnte ich mich „frei“ entwickeln. Das heißt, ich war einerseits voll für mich, meinen Lebensunterhalt und meine Fortbildung allein verantwortlich, konnte aber andererseits viele meiner menschlichen Bedürfnisse und Gelüste, ohne fragen zu müssen, befriedigen – wann und wie ich wollte, innerhalb gewisser Grenzen. Vom Raucher und Biertrinker ging ich über zu Tabak, Drogen und Whisky (amerikanisches Bier war eben nicht gut genug), gepaart mit sexuellen Ausschweifungen und Popmusik-Konzerten. Mein zusammengefasstes Lebensmotto war: Sex, Drugs, and Rock’n Roll.

 

1969 zog ich nach Süd-Kalifornien (Los Angeles), und in 1970 unternahm ich mit zwei amerikanischen Freunden eine 8-monatige „Hippie-Auto-Reise“ durch Europa, die Türkei und Nord-Afrika. Fasziniert von frommen und häufig betenden Moslems, kaufte ich mir einen Koran, den ich dann in Kalifornien las. Seit meinem 15. Lebensjahr hatte ich die katholische Kirche „hinter mir“ gelassen. Ich hatte dort keine wirklich positiven Erlebnisse oder Eindrücke

realisieren können. Dem Koranstudium folgten Studien von Hindu- und Buddhistenmeister/Gurus. Überall fand ich interessante Ansätze auf meiner Suche nach dem Sinn des Lebens und nach dem wahren Gott. Nirgendwo fand ich jedoch befriedigende Antworten auf meine Fragen oder Lösungen bei meinen „geistlichen Experimenten“.

 

Parallel zu meinem Suchen wurde ich immer wieder von den sogenannten „Jesus-people“ („Jesus-Leute“, eine Art „Denomination“ oder Sekte) und anderen „christlichen Straßenpredigern“ angesprochen und bekam Traktate am Strand des Pazifik, auf Straßen oder an meiner Universität. Es ging immer um  Begriffe wie „Umkehr, Sünde, Vergebung, neues Leben, und ewiges Leben“ und dies alles in Verbindung mit Jesus (Jeschua) und einer persönlichen Beziehung zu dem wahren Gott (dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs). Ich hatte kein Interesse an diesen Botschaften, denn ich brachte immer Jesus, Christen, usw. automatisch mit meiner Kindheit und Jugend als Katholik in Verbindung. Für mich war das ein und dasselbe, und ich wollte nicht schon wieder mit dieser „christlichen Religion“ anfangen. Es gab doch auch andere – insbesondere in Kalifornien!

 

Anfang 1971 beschloss ich wieder einmal, mein soziales Wohn-Umfeld zu verlassen (acht oder neun Umzüge in vier Jahren), da es selbst mir zu „asozial“ und drogenverseucht erschien. Der Gott, den ich suchte, führte mich „ungefragt“ in ein wunderschönes Apartmentgebäude mit Swimmingpool und anderen Komfort-Ausstattungen. Aber das wirklich wunderbare an diesem Gebäude war, dass von den 16 Wohneinheiten ungefähr die Hälfte von gläubigen, liebevollen und wiedergeborenen Christen bewohnt war; sie trafen sich am Pool, sprachen über Gott und hielten gemeinsame Bibel- und Gebetsabende in ihren Wohnungen ab. Mit einem von ihnen, dem Hausmeister, hatte ich ein intensives Gespräch über das „Verlorensein“ und das “Erlöstsein“: Zu jener Zeit fanden solche Gespräche auch mit einem chinesischen Kollegen an meinem Arbeitsplatz statt, der mich fragte, ob ich auch eine „ewige Lebensversicherungs-Police“ besäße. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab, bekam aber aufklärende Literatur, auch zum Thema biblische Prophetien und deren Erfüllung. Die  – für mich – überzeugendste erfüllte Prophetie von allen war, dass das Volk Israel wieder zurückgeführt und zu einer Nation geworden war. Unglaublich, aber wahr ! So hatte ich das noch nie gesehen. Die Bibel sagt also die Wahrheit. Mein nächstes, zu lesende Buch war eine Bibel ! Mir wurde klar, dass dieses Buch alles andere, bisher gelesene, an Wichtigkeit bei weitem übertraf.

 

Einige Wochen später, im April 1971, besuchte ich mit einer Bekannten ein weiteres Rock-Musik Konzert, diesmal und erstmalig mit einer Überdosis einer bestimmten Droge. Irgendwie schaffte ich es, morgens gegen 2 oder 3 Uhr, wieder zu Hause anzukommen, nachdem ich mich immer wieder verfahren hatte. Dies sollte die Nacht meiner wichtigsten und besten Entscheidung meines Lebens werden. Ohne mich heute an den genauen Wortlaut erinnern zu können, bat ich Gott, in mein Leben zu kommen; ich übergab ihm die Kontrolle über alles. Ich erbat Vergebung und bat um ein Zeichen, eine Art Bestätigung: Gott, wenn Du so allmächtig bist, hilf mir auch mit meinen Alkohol-, Tabak- und Drogen-Problemen, als Anfang. Dies war der Wendepunkt meines Lebens, Anfang einer neuen Periode.

 

Meinen überraschten Arbeitskollegen erzählte ich am Morgen, völlig übernächtigt nach einer schlaflosen Nacht, von meiner einsamen Bekehrung. „Völlig ausgeflippt“, dachten sicherlich die meisten über mich. Am Ende jener Woche war mein Verlangen nach Tabak, Drogen und Alkohol völlig verschwunden – und ist es bis heute. Preis und Dank sei Jeschua ! Was für ein Zeichen (1.Kor 1,22  Und weil denn Juden Zeichen fordern…) ! Was für ein Zeugnis für Ihn, welches später auch andere

Kollegen zum erlösenden Glauben brachte. Erst Wochen später folgte ich der Einladung eines gläubigen Mitbewohners (ein Freund, mit dem ich noch heute in Kontakt bin), seine „christliche Gemeinde“ zu besuchen, mein erster Gottesdienstbesuch in über 10 Jahren.

 

Getauft wurde ich im Juni im Pazifik. Im Oktober 1971 traf ich meine heutige Frau Rachel (damals 20 Jahre jung) zum zweiten Mal. Beim ersten Mal war ich noch ein ungläubiger, rauchender Hippie in Cowboy-Stiefeln und lederner Fransenjacke, der sie (vergeblich) um Feuer für seine Zigarette bat. Also, wir waren auf einer Fete in Hollywood eingeladen. Ich, außer Rachel, war der einzige Gast, der weder rauchte noch Alkohol zu sich nahm noch tanzte. Wir hatten einen kleinen Tisch am Fenster, und ich erzählte ihr den ganzen Abend nur von meinem neuen Leben mit Jeschua, wie ich Ihn kennen gelernt und wie Er mich verändert hatte. Ihr ganzes Leben hatte sie, damals eine fromme Katholikin, sich eine solch enge Beziehung mit Gott gewünscht. Wir besuchten verschiedene Gottesdienste/Gemeinden und Bibelstunden, und zwei Wochen später übergab sie ihr Leben Jeschua in der Wohnung meines chinesischen Freundes und Arbeitskollegen.

 

Im Juni 1972 heirateten wir in einem „Hochzeits-Park“ unter strahlend blauem Himmel. Der Herr schenkte uns später zwei wunderbare Kinder, einen Sohn, der in New York wohnt und eine Tochter, die in Köln lebt.

 

Bis zu unserer Übersiedlung nach Deutschland in 1979 haben wir unbeschreibliche Segen von Gott empfangen, angefangen von geistlichem Wachstum, Gesundheit der gesamten Familie, jährlichen Stipendien an der Universität von Kalifornien bis zu einem florierenden Geschäft. Viele unserer Freunde, Kollegen und Kunden waren Juden, und für viele konnten wir ein Zeugnis sein. Auch Mosche Rosen, dem Gründer von „Juden für Jesus“, durfte ich begegnen und als „Bruder“ umarmen, als er Mitte der 70er Jahre einen Info-Stand auf dem Uni-Campus hatte.

 

Nach weiteren 25 gesegneten Jahren und interessanten, internationalen Tätigkeiten bei Ford Europa habe ich Ende 2003 die Gelegenheit ergriffen, mit 57 Jahren in den Ruhestand zu treten. Ruhestand ist nicht ganz korrekt, denn ich arbeite weiter, diesmal nicht für Geld, sondern um Menschen zu helfen, Jeschua kennen zu lernen, oder solche zu stärken, die Ihn schon kennen. Ich bin in den vergangenen 35 Jahren, trotz großer Segnungen und Bewahrungen, immer wieder gestolpert und gefallen, ich habe mir selbst und anderen Schaden zugefügt, aber der lebendige Gott hat in Seiner Liebe immer wieder vergeben, geheilt und neugestaltet.

 

Seit über 35 Jahren beschäftige ich mich meinem jüdischen Hintergrund, theologisch, kulturell und genealogisch, mit der Bekämpfung des Antisemitismus, mit Gemeindebau und mit Bibelarbeit. Auch das Dilemma und Spannungsverhältnis, Jude und Deutscher zu sein, irgendwie zur Gruppe der Opfer und der Täter zu gehören, muss bewältigt werden. Meine Frau teilt dies alles mit mir - von Anfang an .

 

Auf einer Israel-Konferenz Ende 2004 erfuhr ich erstmals von der Existenz jüdisch-messianischer Gemeinden in Deutschland, und ganz konkret von „Beit Hesed“ in Düsseldorf. Ich bin überglücklich, dass der Herr mich und Rachel in diese Gemeinde geführt hat. Jetzt kommen viele persönlichen Aspekte zusammen, jetzt kann ich ein weiteres Kapitel schließen, eine Periode geht zu Ende, und eine neue beginnt. Es ist schon wunderbar, wie der Herr uns führt, wenn wir uns führen lassen. Ich will mich führen lassen - als deutscher messianischer Jude - in neue Aufgaben und Herausforderungen hinein. Es gibt noch viel zu lernen und zu tun. Ich freue mich auf diese neue Periode - mit Jeschua HaMaschiach (Jesus der Christus) an meiner Seite. Er macht alles neu und alles ist Ihm und durch Ihn möglich! …der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, wird es vollenden (Phil 1:6).

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